Der Maulheld

9. Mai 2002, 17:00
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Begnadeter Entertainer der neueren elektronischen Musik: Chilly Gonzales veröffentlicht "Presidential Suite"

Foto: Kitty-Yo/Virgin
Gonzales
Presidential Suite
(Kitty-Yo/Virgin)

Der in Berlin lebende Kanadier Chilly Gonzales zählt im Bereich der neueren elektronischen Musik vor allem wegen seiner Live-Shows zu den wenigen, tatsächlich begnadeten Entertainern.

Von Oliver Ilan Schulz


In der Öffentlichkeit inszeniert sich Chilly Gonzales als "Prankster", als frechen Narren, irgendwo zwischen Till Eulenspiegel und Bart Simpson. Für Gonzales ist der Begriff gut gewählt. Rollenspiele gehören zu seiner Bühnenshow. Schillernd und schwer greifbar schmuggelt er sich in unsere Wahrnehmung und gibt Pressekonferenzen als "President of the Berlin Underground". Ist das Interview also für ihn nur ein weiterer Auftritt? In der kurzen Aufwärmphase ist er jedenfalls freundlich und einnehmend. Er bestellt einen Cheeseburger. Dann ein nahtloser Übergang zum Business. Der Kellner bringt das Essen. "Keep on rockin', man!", mampft Gonzales. Seine Zeit ist knapp.

Gonzales liefert mit Presidential Suite eine Mischung aus HipHop, Plastik-Pop und High-Speed-Funk. Über weite Strecken sprudeln die Ideen. Ob Rap oder Gesangslinien, lustvoll verpackt Gonzales die Worte in gefällige Rhythmus- und Sinneinheiten. In Anlehnung an seine Live-Shows versieht Gonzales Presidential Suite allerdings auch mit einer kabaretthaften Klangästhetik, der es an Langzeitwirkung fehlt. Vor allem die Drumcomputer und die künstlichen Streicher- und Bläsersätze erwecken den Eindruck, als hätte die Technik seit den 80er-Jahren keinerlei Fortschritte gemacht: "Das soll genau so klingen!" Die Songs seien bewusst schnell produzierte "Coverversionen" klassisch durchkomponierter Stücke, die er vorher am Piano erarbeitete.


Fünf Jahre lang hat er in seiner kanadischen Heimat Komposition und Jazz studiert. "Ich hänge hier im Jahr 2002 fest! Ich würde gerne in einer anderen Zeit leben. Die ekligen, verschwitzten Nightclubs sind nicht mein bevorzugter Arbeitsplatz. Lieber wäre ich in einem klimatisierten Theater am Broadway mit einem schönen Umkleideraum und würde wie ein Profi jeden Abend eine Show machen. So kann ich nur versuchen, den Broadway ein bisschen in die Clubs zu bringen."

Langsam nähert sich Gonzales seinem Traum. "Illusionist", gibt er als Beruf an, wenn er in ein Hotel eincheckt. Bevor er 1999 nach Berlin übersiedelte, hatte er einen Vertrag bei Warner Brothers Kanada. "Ich fühlte mich wie in einem Boxring ohne Handschuhe. Niemand hatte mir gesagt, dass das ein Kampf ist. Wenn du es als Job machst, geht es eben nicht nur um die Musik - das ist nur ein schönes Hobby. Du brauchst aber eigene Ideen auch hinsichtlich der Vermarktung." Nach zwei erfolglosen Alben wurde Gonzales gekündigt und übersiedelte nach Europa. Er wollte Allround-Entertainer werden. Die Rechnung ging auf. Die Kritik liebte sein erstes Album Gonzales Über Alles auf dem kleinen Berliner Label Kitty-Yo. Den nachfolgenden Medienrummel verarbeitete er dann zu The Entertainist. "Ich war ein Spezialist in Selbstdarstellung geworden. US-HipHop hat kein Problem mit Erfolg. Jugendkultur in Europa ist dagegen immer Anti-Ehrgeiz, Anti-Professionalität."


Mit seinem neuen Album kehrt Gonzales nun wieder zurück zu einem breiteren musikalischen Spektrum, in dem auch ruhige Songs ihren Platz haben. In dieser dritten Amtsperiode fühlt sich der Präsident des Berliner Underground als Elder Statesman. Dank seiner Erfahrung handelt er gelassener - und kalkulierter. "Zur Zeit bin ich der König der Leichtgewichte, vielleicht ist das mein Platz. Aber ich werde mich in Form halten. Und wenn ich zu den Schwergewichten hochkomme, werde ich richtig hart kämpfen."

Gonzales hofft nun auf einen Herausforderer, der sich seinen napoleonischen Ambitionen entgegenstellt. Tatsächlich können Gonzales Auftritte spontane Reaktionen provozieren. Souverän spielt er mit den Stimmungen. Er betritt die Bühne und ist arrogant und abstoßend. Unerwartet zeigt er sich dann aber am Klavier von seiner weichen Seite. Am Ende ist er Everybody's Darling und verabschiedet sich von jedem Besucher per Handschlag. Seine charismatische Wirkung ist fast beängstigend. "Jeder Entertainer manipuliert das Publikum. Das ist meine Begabung, ich kann nichts dafür."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 5. 2002)

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    foto: kitty-yo/virgin
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