Die Ewigkeit als Remix

9. Mai 2002, 17:00
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Richard Dorfmeister über das Projekt von Dancefloor-Remixes legendärer Jazz-Nummern

Foto: Universal
Verve Remixed & Verve Unmixed
(Universal)

Zeitgenössische Dancefloor-Künstler remixten zwölf Stücke des legendären New Yorker Jazz-Labels Verve. Karl Fluch sprach mit dem Produzenten-Star Richard Dorfmeister über den Zugang und die Ergebnisse dieses Projekts.


"An einem Sonntag fand ich mich wieder einmal beim Soulsugar-Club im Wiener Porgy & Bess ein, und dort spielte DJ Arno gerade einen Track. Die Sorte, die man von irgendwoher kennt, aber nicht einordnen kann. Es war Willie Bobos Spanish Grease. Ein Klassiker und schwer zu kriegen: eine Rarität auf Verve Records.

Ein paar Wochen später bekam ich eine Remix-Anfrage aus New York. Es bestünde die Möglichkeit, hieß es, sich am legendären Verve-Katalog vergreifen zu dürfen. Natürlich musste ich sofort an Spanish Grease denken und fragte, ob es die Original-Mehrspurbänder gäbe. Leider nicht, war die Antwort. Also zischte ich ins Audiocenter, den Plattenladen, und ließ mir dort den Track auf CD überspielen.

In der Zwischenzeit war ich mit den Jungs von Madrid De Los Austrias in Barcelona, und da die schon seit langem eine Spanienvorliebe haben, schien es mir logisch, einen Song, der Spanish Grease heißt, mit ihnen gemeinsam zu produzieren. Um die Originalität zu unterstreichen, war bei der Produktion ein rarer Rioja aus dem Hause Muga ein gutes Schmiermittel. Manchmal passt eben alles zusammen."


Diese Anekdote von Richard Dorfmeister, eine Hälfte des international bekannten Produzenten-Duos Kruder & Dorfmeister, mündete in etwas, das der Soundtrack des kommenden Sommers werden könnte: Einschlägige Größen wie Tricky, die New Yorker Masters At Work oder Rae & Christian definieren zwölf Verve-Stücke im zeitgemäßen Dancefloor-Outfit.

Verve Records, 1955 von Norman Granz gegründet, gilt neben Blue Note als bedeutendstes Jazz-Label überhaupt und war in seiner Geschichte Heimat für Künstler wie Louis Armstrong, Count Basie, Duke Ellington, Charlie Parker und viele legendäre Namen mehr. Heute gilt dort die singende Friseurin Diana Krall als der Superstar, der die Miete sichert. Traurig.


Verve Remixed widmet sich jedoch der goldenen Zeit des Labels und liegt im Vergleich zu der ideenlos vor sich hin klimpernden elektronischen Genregeburt Nu Jazz in seiner Machart schwer im Trend. Längst ist es nämlich en vogue, sich traditionelle Stile einzuverleiben, um sie mit den Mitteln heutiger Produktionen und Arrangements zu modernisieren. Das französisch-argentinische Gotan Project tat das erfolgreich mit Tango, die Schweden Koop versuchten sich - weit weniger gelungen - am Walzer. Elemente aus Bossa Nova oder Brasil tauchen schon seit Jahren im Club-Sound auf.

Dass nun Vocal-Jazz als Ausgangspunkt an die Reihe kam, scheint da nur eine logische Konsequenz zu sein. Zumal sich die Stücke von Jahrhundertstimmen wie denen von Ella Fitzgerald (Wait 'Till You See Him), der unvergleichlichen Nina Simone (Feelin' Good), Billie Holiday (Strange Fruit) oder Dinah Washington (Is You Is Or Is You Ain't My Baby?) bestens dafür eignen, den sonst überwiegend instrumental gehaltenen Tracks Leben und Seele einzuhauchen. Zutaten, die im Dancefloor der vergangenen Dekade - abgesehen von den Legionen von Portishead-Plagiaten - eine eher marginale Rolle spielten.


Frage an Richard Dorfmeister: Hat man eigentlich mehr Respekt als bei sonstigen Arbeiten, wenn man darangeht, an solche geschichtsträchtige Namen Hand anzulegen? "Nein, den Respekt verliert man mit der Zeit. Wir bekommen Unmengen von Remix-Anfragen, die wir meist ablehnen. Ich nehme derlei Angebote nur wahr, wenn ich vermute, dass es spannend werden könnte. Und in diesem Fall gab es dazu eben die eingangs erwähnte Anekdote, die mitverantwortlich für die Entscheidung war."

Wenn Dancefloor alte Stile übernimmt und sich einverleibt, steht meist der Vorwurf im Raum, dass die Adaptionen nicht die emotionelle Tiefe der Originale erreichen würden. Dorfmeister: "Was diese Verve-Sachen betrifft: Vergiss es! Da kommt man niemals an die Originale heran. Es ist eher eine Versuchung, der man nachgibt. Der Versuchung, sich ihnen zu nähern. Aber ich für meinen Teil bezweifle, ob man in dreißig Jahren diese CD noch hören wird. Die Originale - sicher, die sind zeitlos. Ich habe auf einer Reise unlängst mein CD-Case verloren und mir dann auf einem Flughafen ein paar CDs gekauft: Dylan, Sinatra, Simon and Garfunkel. Uraltes Zeug also. Trotzdem: Das hat wirklich Bestand."


Wie beurteilt Dorfmeister die Ergebnisse und die Auswahl der Verve-Remixe? "Auffällig ist, dass natürlich jeder Vocal-Tracks verwendet hat. Was Rae & Christian mit Dinah Washington gemacht haben, gefällt mir. Masters At Work klingen, wie sie immer klingen. Trickys Strange Fruit ist nicht so mein Fall, obwohl ich düstere Sachen schon mag. Im Übrigen haben die meisten hinlänglich bekannte Stücke ausgewählt. So wie UFO mit Sarah Vaughns Summertime. Mit der Wahl von Willie Bobo sind wir da eher die Ausnahme. Der galt eher als Underdog, als weniger etablierte Größe bei Verve."

Tatsächlich ist kaum ein Track gänzlich misslungen. Zwar klingen Acts wie die amerikanische Thievery Corporation auch hier nach Meterware, und bei der Deutung von Tony Scotts Hare Krishna durch King Britt, einem DJ und Produzenten aus Philadelphia, muss man sich schon auch hinterm Ohr kratzen. Doch in diesen Fällen verhindert die Qualität des ursprünglichen Materials meistens einen Totalabsturz. Wie die Originale tatsächlich klingen, ist auf der dazu ebenfalls erschienenen Kompilation Verve Unmixed nachzuhören. Darauf sind alle hier neu aufbereiteten Mixes im Original versammelt. Musik für die Ewigkeit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 5. 2002)

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    foto: universal
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