Intelligenter Trash als Publikumsmagnet

8. Mai 2002, 12:39
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"Spider-Man" brach bei seinem US-Kinostart alle bisherigen Rekorde

Wochen vor dem Starttermin hatte man bereits die Verträge für eine Fortsetzung unterzeichnet. Und dieser Tage ist eingetreten, womit man beim US-Studio Sony Pictures Entertainment offenbar gerechnet hat: Die Comic-Verfilmung Spider-Man, basierend auf den bei Marvel erscheinenden Abenteuern des einst von Stan Lee erfundenen Superhelden, hat am vergangenen Wochenende alle Startrekorde gebrochen.

Schattenkrieger

114 Millionen Dollar (rund 125 Millionen Euro) in nur drei Tagen, freilich auf 3600 US-Leinwänden: Dies stellt die bisherige Höchstleistungen von George Lucas' Star Wars: Episode I und Harry Potter in den Schatten: Die beiden Spektakel benötigten nämlich fünf Tage, um die 100-Millionen-Dollar-Grenze zu überschreiten. Schon jetzt kann keine Rede mehr davon sein, dass Spider-Man nur ein solide gemachter Kinosessel-Vorwärmer für das am 16. Mai startende Star Wars: Episode II sein darf: Nach Meinung vieler Experten ist der Spinnenmann ein ernsthafter Konkurrent für die Sternenkrieger.

Alte Wunden dürfte dieser Triumph bei James Cameron aufreißen: Der Regisseur von Titanic hatte sich jahrelang bei Marvel um die Rechte bemüht, war aber immer wieder abgeblitzt. Dabei klang sein Vorhaben interessant: Cameron schwebte vor, die Geschichte eines ganz normalen jungen Mannes, der von einer mutierten Spinne gebissen wird, um dann Superkräfte zu entwickeln, "als realistisches Action-Melodram" zu erzählen.

Cleveres Popkorn-Entertainment

US-Regisseur Sam Raimi, der nun von Sony den Zuschlag (auch für Spider- Man II) erhielt, setzt hingegen auf cleveres Popkorn-Entertainment mit verstärktem Teenager-Appeal - wobei der Hauptdarsteller Tobey Maguire nach seinen Auftritten in Ang Lees Ice Storm, Curtis Hansons Wonder Boys oder Lasse Hallströms Gottes Werk und Teufels Beitrag bis dato eher dem seriösen Charakterfach zugerechnet wurde, nun aber als charmanter Comicheld selbst Puristen unter den Spider-Man-Fans überraschte.

Für Sam Raimi hingegen ist Spider-Man gleichsam eine ungekannt hoch budgetierte Rückkehr zu seinen erzählerischen Wurzeln. Der Regisseur, der in den 80er-Jahren mit der virtuosen, wegen ihrer drastischen Schockeffekte aber umstrittenen Tanz der Teufel-Trilogie Furore machte und immer wieder als Assistent und Kompagnon der Brüder Joel und Ethan Coen arbeitete: Er hat entschieden eine glückliche Hand für intelligenten Trash - worin er übrigens ein Geistesverwandter des Herr der Ringe-Erfolgsregisseurs Peter Jackson ist, der einst mit blutigen Eskapaden wie Braindead reüssierte.

Raimis bis dato interessantester Film war übrigens auch das Drama eines Superhelden: Darkman (1990) versteckte ein versehrtes Äußeres hinter mumienhaften Mullbinden: Ähnlich wie bei Spider-Man und eigentlich allen kostümierten Heroen der US-Popkultur ging es um Defekte und Aggressionen, aus denen ungeahnte Energien entstehen. Um Leid und um Verluste, in denen ein vermeintlicher Übermensch vor allem Außenseiter bleibt. In Österreich startet Spider-Man übrigens am 7. Juni. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9. 5. 2002)

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