Federnde Luftsäulen

14. Mai 2002, 11:58
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Am 21. Mai wäre der Designer und Architekt Marcel Breuer 100 Jahre alt geworden. Jetzt entschied ein deutsches Gericht den Streit zweier Möbelfirmen um die Lizenz an einem seiner Möbelstücke

Heizungen und Fahrräder waren Anfang der 20er-Jahre aus Stahlrohr. Und so soll es auch ein Fahrrad gewesen sein, das Marcel Breuer auf die Idee brachte, Stahlrohr für den Bau von Möbeln zu verwenden. Bis 1927 entwarf er heutige Klassiker wie den Klubsessel B 3 - später als Wassily-Sessel bekannt - und hinterbeinlose Stühle mit Holzgeflecht wie den S 32 oder D 40. Stahlrohr brachte Breuer aber nicht nur Erfolg, sondern auch endlose Patentstreitigkeiten: Beanspruchten doch das Urheberrecht am Freischwinger auch der Niederländer Mart Stam und Ludwig Mies van der Rohe für sich.

Um Urheberrechte ging es auch in jüngster Zeit, gut 20 Jahre nach Marcel Breuers Tod: Zwei deutsche Möbelfirmen stritten vor Gericht um die Verwertungsrechte an einem Stahlrohrhocker Breuers aus dem Jahre 1926. Die Möbelfirma Tecta verwies auf ihre exklusive Lizenz durch die Witwe Breuers, die Firma L. & C. Stendal auf eine Lizenz der Stadt Dessau, bei der Breuer als Bauhaus-Lehrer zwischen 1926 und 1932 angestellt gewesen war. Im Kern ging es um die Frage: Ist das Möbelstück ein Kunstwerk, also mit Urheberrechten belegt, oder ein Industrieprodukt und damit frei von Rechten? Jetzt hat das zuständige Oberlandesgericht in einem noch nicht rechtskräftigen Urteil entschieden: Der Hocker ist Kunst. Zukünftig darf nur Tecta den Hocker produzieren.

Mit Möbeln hatte Breuer ursprünglich nichts im Sinn, wollte er doch Maler und Bildhauer werden. Ein Stipendium führte den jungen Ungarn 1920 nach Wien an die Akademie der bildenden Künste. Doch die war für ihn nicht das Richtige: Ihn störte der "müde Eklektizismus", und überhaupt schien ihm dort die Kunst als "schrecklich tote Angelegenheit". Flugs brach Breuer das Studium ab und schrieb sich am neu eröffneten Bauhaus Weimar ein. Dem Grundkurs folgte eine Tischlerlehre, die er 1924 mit der Gesellenprüfung abschloss. Nach einem Aufenthalt in Paris arbeitete Breuer ab 1925 am mittlerweile nach Dessau umgezogenen Bauhaus als Jungmeister und Leiter der Tischlerwerkstatt.

Dort verwirklichte Breuer mit seinen Stühlen, Tischen und Schränken das Bauhaus-Ideal einer funktionalen Kunst und Ästhetik für die Massen - und stattete das gesamte Bauhaus mit seinen Möbeln aus. Die reduzierte Formensprache und das Material lassen diese auch heute noch kühl, streng und sachlich wirken, als formal-ästhetischen Ausdruck einer technisierten und industrialisierten Gesellschaft. Für Breuer waren die Metallmöbel "Apparate heutigen Lebens", die den Ansprüche der neuen Zeit angepasst sein mussten: Beweglich und leicht und nicht so teuer und unhygienisch wie Polstermöbel. Irgendwann, so Breuers Utopie, werde man gänzlich entmaterialisiert sitzen, auf "federnden Luftsäulen".

Bis 1928 blieb Breuer am Bauhaus Dessau, danach startete er in Berlin eine zweite Karriere: als Architekt. Schon in Wien und Paris hatte er bei Architekten gearbeitet, die Standesorganisation Bund Deutscher Architekten beschied ihm aber "mangelnde Praxis" und verweigerte ihm die Anerkennung. 1932 entstand mit dem Harnischmacher-Haus in Wiesbaden sein erstes Werk. Wegen seiner jüdischen Abstammung emigrierte Breuer im Jahr 1935 nach London, 1937 in die USA. Der Freund und ehemalige Bauhaus-Meister Walter Gropius hatte ihm eine Professur an der Designschule in Cambridge angeboten. Eine Bürogemeinschaft mit Gropius endete 1941 und fünf Jahre später verlegte Breuer seine Architekturfirma nach New York.

Anfangs entwarf Breuer in den USA vor allem Privathäuser. International bekannt wurde er in den 50er- und 60er-Jahren mit Großbauten wie dem Unesco-Gebäude in Paris, dem IBM-Forschungszentrum in La Gaude, Frankreich, und dem Museum of American Art in New York. Typisch für Breuers Bauten war die deutliche Trennung funktional unterschiedlicher Gebäudeteile - wie er auch schon bei seinen Möbeln jede Komponente, ob in der Form oder im Material, für sich akzentuiert hatte. Am 21. Mai wäre Marcel Breuer hundert Jahre alt geworden.

derStandard/rondo/10/5/02

von Mareike Müller
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