Nagasaki - Ein Hafen für die Gegenwart

1. Juli 2005, 14:13
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Nagasaki ist nicht nur eine Stadt, sondern neben Hiroshima auch ein weltweites Symbol. Die Bewohner legen freilich besonders darauf Wert, den ganz normalen Alltag zu zelebrieren

Schon während der Zugfahrt von Fukuoka nach Nagasaki durch die hügelige Landschaft der Insel Kyushu fragt man sich, wie es wohl sein mag. Wie die Japaner hier mit der Erinnerung an den 9. August 1945 umgehen. Man kann nicht hierher fahren und nicht an die Atombombe denken.

Die ersten Begegnungen nach der Ankunft in der Straßenbahn zum Hotel. Wie immer in japanischen Zügen schläft auch in der hiesigen "Tramway" beinahe jeder. Köpfe fallen auf Nachbarsschultern. Heiterkeit bricht aus. Draußen auf der Straße: weit weniger Hektik als etwa in Osaka. Nagasaki hat das Flair einer Kleinstadt - für japanische Verhältnisse. Mit ihren knapp 450.000 Einwohnern ist die in einer großen Bucht liegende Hafenstadt im Vergleich zu den 10-Millionen-Metropolen wirklich ein echter Winzling. Die Menschen scheinen weitaus freundlicher hier als in den großen Städten zu sein. Vielleicht, weil sie mehr Platz zum Leben haben. Wer aber den aufgeklärten Betroffenheitstouristen spielt, der sein Bedauern über den Abwurf vor sich herträgt, wie ein stolzer Fischer einen prächtigen Fang, wird hier nicht nur mit offenen Armen empfangen. Man führt den Besucher natürlich in das A-Bomb-Museum. Man zeigt den Hypocentre Park. Hier wird jener Platz markiert, über den die Bombe explodierte. Und man präsentiert den imposanten Peace Park - mit einer gut gemeinten, aber monströsen Friedensstatue. Japanische Schulklassen schicken alljährlich unzählige Papierkraniche hierher und nach Hiroshima. Seit ein kleines Mädchen Jahre nach den Atombomben an Leukämie erkrankte und entschied, 1000 Papierkraniche zu falten, ein Symbol für Glück und ewiges Leben. Sie meinte, dadurch wieder gesund werden zu können. Nach 644 starb sie, und ihre Klassenkameraden falteten die restlichen 356.

Darüber hinaus aber geht die Konfrontation mit der Vergangenheit nicht. Die Jugend von Nagasaki lebt natürlich nur noch in der Gegenwart, hasst Fragen nach ihrer Befindlichkeit und ihrem Selbstverständnis angesichts der Geschichte und orientiert sich wie auch anderswo in Japan stark nach US-Vorbildern. Die ältere Generation verdrängt unangenehme Erinnerungen gern aus ihrem Gedächtnis. Sie schämt sich der Hibakushas ("Feuerbomben-Menschen"), die heute noch immer in Spezialkliniken leben. Darüber wird nicht gesprochen, darüber darf nicht gesprochen werden. Den Einwohnern der Stadt ist der Alltagsfrieden heilig. Sie wollen sich bei ihren zahlreichen Gewohnheiten und Ritualen nicht stören lassen:

Der Job steht wie überall im Land im Mittelpunkt. Ihm wird alles untergeordnet, ob er nun in der Fischerei, im Schiffsbau oder im Tourismus, den drei wichtigsten Branchen in Nagasaki, ausgeübt wird. Freizeit, sofern es überhaupt eine gibt, wird offenbar mehr als anderswo mit Treffen, Tratschen und Trinken verbracht. Die Japaner, die hier leben, sind dabei sehr laut, gestikulieren so wild, dass etwas kühlere Landsleute aus dem Norden schon fürchten, dass da gestritten wird. Es geht aber nicht um Recht haben oder Schuld geben. Die Themen sind banaler: unfreundliche Nachbarin, teure Preise im Kaufhaus oder die Unfähigkeit des Ehemanns, im Haushalt mitzumachen.

Derlei Beschwerden sollen ab und zu schon in den Karaoke-Bars der Stadt zu hören gewesen sein. Wenn die älteren Damen ihre Freundinnen treffen, um ein paar Lieder zum Besten zu geben. Eine ohrenbetäubende Gewohnheit: Ihren grässlichen Gesang hört man noch eine Straße weiter. Leiser geht es am Nachmittag zu. Da wird stundenlang Tee getrunken, vielleicht mit ein paar Schnitten Castella. Das Rezept für diesen genialen Eierrührkuchen sollen die Portugiesen einst nach Nagasaki gebracht haben. Die Menschheit wird ihnen ewig danken. Die Holländer haben vom 17. bis ins 19. Jahrhundert übrigens keinen Kuchen mitgebracht - aber auch von ihnen sind heute noch Spuren zu entdecken. Vor allem im Süden der Stadt, wo Glover Garden die Spaziergänger anzieht. Am Holland-Hügel (Oranda-zaka) stehen Holzhütten im holländischen Stil links und rechts einer kurvenreichen Straße.

Wichtigstes Ritual des Tages ist trotz Castella aber das Abendessen. Auf den Tisch kommt, was man untertags am Markt in Chinatown gekauft hat. Das ist ein Platz, den sich auch Touristen nicht entgehen lassen wollen. Enge Gassen führen zu ihm. Geschäftstüchtig reichen die Händler Kostproben und machen Preisnachlässe. Verschiedene Gerüche locken in verschiedene Richtungen. Am Stand um die Ecke werden die besten Teigtaschen verkauft: kleine Gyozas und ihre größeren Brüder, die Nikumans.

Aber auch nach dem Essen gehen die Rituale des Alltags in Nagasaki weiter: Man lästert über das Fernsehen, über Verwandte und Freunde. Liebevoll natürlich. Politik bleibt ausgespart. Und ein Gläschen Kartoffelschnaps (Shochu) wird eingeschenkt. Der fährt ins Blut und legt Gäste aus Europa unter dem Gelächter der Einheimischen lahm. Gute Nacht, schöne Hafenstadt, morgen beginnt ein neuer Tag mit dem gleichen Ablauf. (Der Standard | Rondo | Peter Illetschko)

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