City und Dorfidyllen

19. Juli 2005, 11:40
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Die südkoreanische Hauptstadt Seoul grätscht gekonnt zwischen globalisierter Moderne und nationaler Tradition.

Spitzkegeliger Bambushut, knorriger Wanderstab, silbergraue Kutte und dünner Eremitenbart. Diese Aufmachung lässt auch in Fernostmetropolen aufblicken, doch um Gandalf den Grauen handelt es sich jedenfalls nicht. Erstens spricht der Typ weder Elbisch noch Englisch, sondern bestenfalls ein paar Brocken Ork-Dialekt, was andererseits auch als raukehliges Koreanisch durchgehen könnte. Und zweitens passt das sonderbare Outfit zumindest so gut nach Insa-dong wie Ingwer in Koreas Hühnersuppen. Ganz schlau wird man aus der urigen Figur am Straßenrand des berühmten Seouler Antiquitätenviertels freilich trotzdem nicht.

Ist es nun ein Pilger, der sich am Ende der staubigen Landstraßen in die große Stadt verirrte und der nun zwischen Tuschepinselshops und Keramikfolklore Zuflucht sucht? Oder relaxt da bloß ein spleeniges Modell aus einem der nahen Künstlerateliers in der Fußgängerzone, der ideale Poseur fürs Neorealismusgemälde "Müder Eremit im Betondschungel"?

In jedem Fall handelt es sich um eine für Seouls intimsten Stadtteil typische Szene. Stärker als die meisten anderen Viertel des Elf-Millionen-Molochs veranschaulicht das kleine Insa-dong Koreas gegenwärtige Grätsche zwischen Hightech und Tradition. Die Hochhäuser und Bürotürme der angrenzenden Downtownviertel haben hier, im Norden der Stadt, noch nicht so richtig Fuß gefasst. Noch lagert der eine oder andere braun glasierte Kimchi-Topf in Insa-dongs kleinen Innenhöfen, und sei es nur als Requisit der verschiedenen Traditionsrestaurants, die hier zu Ochsenkniesuppe und Muschelporridge auch Volkstänze und Trommelklänge servieren. Wer rechteckige Papierdrachen, akkurat geschnitzte Stempel, Pinsel und Tusche-Reibesteine sucht, findet sie in den verwinkelten Gässchen des Viertels, von Koreas berühmter Keramik gar nicht erst zu reden. Ähnliches verrät auch der Blick in die Schaufenster der Insa-donger Boutiquen: Hochgeschürzte Hanbok-Kleider und italienische Designerware halten sich kongenial die Waage, und einige Meter weiter lungert eine provokante Schaufensterpuppe sogar in der nordkoreanischen Uniform herum. Dabei wären allein die markanten Eckpunkte des lebhaften Viertels schon Kontrastprogramm genug: Im nahen Yogesa-Tempel, dem "Vatikan" der größten koreanischen Buddhistensekte Jogyeong, dürfen Westler neuerdings sogar probemeditieren, nächtigen und Fastenspeisen verdrücken. Die umliegenden Shops bescheren qualitätsbewussten Mönchen schicke Kutten und ein kleines Kaufrausch-Nirwana.

Einen ganz anderen Himmel regiert der Seating-Kellner des futuristischen Chongno Tower: Hier, im 33. Stockwerk des unmittelbar südlich von Insa-dong aufragenden neuen Downtown-Wahrzeichens, bestimmen Dresscode, Reservierung und das nötige Kleingeld die Regeln der neuen Isolation. Doch wer es bis zum Aperitif im "Top Cloud" schafft, bereut es wohl trotzdem nicht. Schließlich zählt der Blick zu den schönsten der Stadt: Ringsum erstreckt sich das uferlose Lichtermeer der nächtlichen City. Mit Megabildschirmen an umliegenden Gebäudedächern, die für Versicherungen, Haarshampoo und die nahende Fußball-WM werben. Und tief am Grund der dicht gedrängten Straßenschluchten: ein steter Strom von untersetzt gebauten und ungewöhnlich netten Leuten, die schon auch ihre kleineren Marotten haben. Kurznotiz im Korea-Novizen-Tagebuch: Sie stecken Schinken in Sushi-Rollen (die dann Kimbap heißen) und Häschen mit Häkeljäckchen um die Schultern in Plastikdosen (zwecks Verkauf in U-Bahn-Schächten). Sie überraschen nur fünf Minuten später mit bester Hinterhofromantik. Am Ende der Insa-dong-Straße etwa findet sich so ein archetypischer Platz: Maschendrahtkäfige, metallische Baseballschläger, ein paar Won-Münzen fürs Füttern der gegenüber positionierten Ballwurf-Maschine. Im Akkord sausen die Bälle auf die koreanischen Mavericks zu. Im Akkord sausen sie Richtung Fangnetz retour. Aggressionsabbau auf Koreanisch, aber schon auch ein bisschen so, wie es die lokalen Halbstarken von den amerikanischen GIs gelernt haben: Wer schläft, den straft der Baseball.

Da ist durchaus etwas Wahres dran. Träumer haben im ultravitalen Seoul City nämlich eher schwere Zeiten, auch wenn der Name fast wie Seelen-Stadt klingt. Das starke Herz des Landes pocht jedenfalls seit über 600 Jahren hier am Han-River. Der erste große Seoul-Man? Hieß König Taejo und verlegte die Hauptstadt der neu gegründeten Joseon-Dynastie bereits im Jahre 1394 hierher. Seither hat sie sich nicht wegbewegt und ist gut gewachsen. Zwölfspurige City-Highways und kalligrafisch verschnörkelte Fly-overs verbinden die zunehmend ausufernden Außenbezirke, am Südufer des Han-River entstand eine neue glitzernde Skyline. Das Tempo der Veränderungen ist hier, im Süden der Stadt, am größten: Bauprojekte wie das neue World-Championship-Stadion, wo am 31. Mai das Eröffnungsspiel der WM stattfindet, wurden in wenigen Monaten aus dem Boden (einer knapp zuvor planierten Müllhalde) gestampft. Hochbauten wie das koreanische World Trade Center ragen neben königlichen Erdkuppelgräbern aus dem 11. Jahrhundert im neuen Siedlungsgebiet auf, während am Ufer des Han-River das Volk mit der Seele baumeln darf. Die Infrastruktur des Hangang Riverside Park hat nämlich auch ihre rustikalen Reize: Lange Papierdrachen-Karawanen wandern von der Spindel der Drachenverkäufer flatternd Richtung Himmel. Nebenan kicken ehrgeizige Papis mit ihren Söhnen auf der Picknickwiese. Ausrangierte und zu Imbissrestaurants umgebaute Reisebusse sorgen für heiße Nudelsuppe und fernöstliches Roadmovie-Feeling.

Taxifahrt zurück ins Zentrum. Das Volant erinnert an die Tage der Mongolenstürme, die im 13. Jahrhundert über das Land fegten: Rote LED-Pferdchen galoppieren nämlich am Taxameterdisplay, je schneller der Wagen über den Cityhighway schnurrt, desto schärfer der Galopp. Beim Kyongbokkung-Palast steht das LED-Pferdchen still, das Taxi auch. Hoffnungsloser Leerlauf der dicht gedrängten Hyunday-Herde, rushhour as usual. Die steinernen Wächterlöwen am Gemäuer des nahen Gwanghwamun Tors können darüber nur breit grinsen. Doch ähnlich gut gelaunt schauten die Marmorviecher mit den auftoupierten Locken wohl bereits um 1394 auf den Straßenverkehr hinaus, als der älteste von insgesamt fünf Palästen der Joseon-Dynastie hier errichtet wurde. Wie stille Oasen aus einer längst vergangenen Ära ruhen diese Anlagen heute im Verkehrsgewühl des modernen Seoul. Traditionelle Pavillons, deren geschwungene Dächer bis heute an die Zelte der nomadischen Urahnen erinnern, öffnen sich da zu verschachtelten Innenhöfen. Im Herbst verzaubert das abgefallene Laub von Blutahorn & Co die knirschenden Kiesflächen der weitläufigen Plätze. Das gilt auch fürs Korean Folk Village von Yongin, das weit über die Landesgrenzen gerühmte, etwas südlich von Seoul gelegene Museumsdorf. Bequemer fällt ein Rundtrip durch das isoliert gelegene, seit Jahrhunderten von den Großmächten China, Russland und Japan gepresste Korea wohl nirgendwo sonst aus: 240 Häuser aus allen Teilen der Halbinsel verteilen sich hier über ein überschaubares Areal. Damit das Leben in den Gehöften und Reisfeldern des Freilichtmuseums auch echt anmutet, importierte man kurzerhand Musterfamilien aus den jeweiligen Landesteilen. Herr Bo Won Yo aus der südlichen Provinz Chollanam-do rollt und schnipselt beispielsweise süßen Teig, gegenüber mimt sein Nachbar von neun bis sechs den Bambusmann. Pferde, Ochsen, Gänse ergänzen den bäurischen Alltag. Auf Micky-Mäuse und Unglücksenten namens Donald wurde hingegen konsequent verzichtet. Dafür entdecken die Besucher zwischen Khakibäumen, lauschigen Weihern und zum Trocknen ausgelegten Chilischoten, dass auch das zeitlose koreanische Landleben seine Kurzweil - und seine Akrobaten - hat. Das fliegende Mädchen Yu verdankt ihrer Wippe tägliche Hochgefühle, Musiker knallen keck mit Peitschenhüten, und ein geschwätziger Seiltänzer ruft routiniert den nostalgischen Charme der fahrenden Gaukler wach: ein sandiger Dorfplatz, ein grobes Seil, ein Seidenfächer für die Balance, im Hintergrund säuseln die sattgelb belaubten Ginkobäume - wie soll man da noch abstürzen? (Der Standard | Rondo | Robert Haidinger)

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