Koreas Hawaii

11. September 2003, 10:52
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Weit hinterm südlichen Festlandhorizont, am Rand des Ostchinesischen Meeres, liegt Cheju-do, der Koreaner liebstes Ferienparadies

Dunkellila Dämmerungslicht, jetzt verschwindendes Grün und plötzlich das Neon-Neuland so gegen halb neun. Wer von den engen Kurven der Landstraße aufgehalten wird und das Städtchen erst spät erreicht, der erlebt rund um Cheju City eine unerwartete allabendliche Metamorphose. Ein Hauch von Route 66 ist dann zu spüren, nur dass statt Hamburger & Bud Light die Umrisse von knallroten Oktopustentakeln neben den Tankstellen und Motels leuchten - grelle Neonbilder jener Seafoodrestaurants, deren Speisekarten keine Zweifel an der geografischen Lage aufkommen lassen. Wir befinden uns auf Cheju-do, einer eher eigenwilligen Insel am Rande des Ostchinesischen Meeres und der Gelben See. Diverse Inspirationen zum Thema Tintenfisch, Krake & Seegurkensalat ergänzen einschlägige kulinarische Milieustudien, die meist auch an die Hafenmolen der umliegenden Fischerdörfer führen und mitunter recht Schräges zutage fördern. Wie Frischwäsche hängen dort die Tintenfische an der Leine, die Touristen hängen in Sushi-Lokalen herum, denen man eher grausige Szenen nachsagt. Der Kampf mit den lebenden Tentakeln am Nebentisch - kleinere Oktopusse werden von wahren Feinschmeckern halb lebendig verzehrt - sind ein appetitanregendes Beispiel dafür.

Doch auch solche Eindrücke gehören zum koreanischen Beach-Urlaub, für das Land mit den drittmeisten Inseln der Welt kein unerhebliches Thema. Reizvoll sind Koreas Küsten und Inselchen ja an vielen Ecken des gebirgigen Landes. Mitunter ziehen sich die grün abgestuften Reisterrassen der Halbinsel direkt zum Meer hin, bescheren den wenigen ausländischen Besuchern kleine, einsame Kieselbuchten und Leuchttürme auf stürmischen Landzungen, die vor allem eines tun: so richtig nach Sturm und Salz und Algen riechen. Strände mit Nadelbäumchen, die praktisch aus dem Seegras wachsen, machen fast überall im Land Lust auf einen spontanen Dive-in. Das heißt, wenn gerade Badesaison ist und der elektrifizierte Zaun, der Koreas Küsten absichert, wieder einmal für ein paar Monate aufgerollt ist.

Solche Sicherheitsmaßnahme erspart man sich auf der populärsten Badeinsel des Archipels gerne. Cheju-do heißt sie und liegt weit südlich der Festlandküste; ein kleines koreanisches Urlaubsparadies, das sich in vielerlei Hinsicht eines Sonderstatus erfreut. Palmen wachsen hier, zumindest an den Stadtboulevards. Die Sonne scheint länger und stärker als sonstwo auf Korea. Und feine Sandstrände gibt es überdies: blendend weiß oder aus jener tiefschwarzen Lava, welche die Vulkaninsel über weite Strecken prägt und ihr zuletzt gar den Ruf als koreanisches Hawaii eintrug.

Letzteres mag vielleicht ein bisschen übertrieben klingen, doch nicht unbedingt in den Ohren der zahlreichen Honeymooner aus Japan und Korea, die den Mythos, der Cheju-do seit jeher umgibt, heute noch ein Stückchen ausgebaut haben. Sonderbarer als das restliche Südkorea war die Sonneninsel nämlich immer schon, wohl auch wegen des feurigen Temperaments des heute erloschenen, immerhin 1950 Meter hohen Mt. Hallasan, der von der Küste aus direttissimo in dunstverhangene Kraterhöhen aufsteigt. Mäuerchen für Zitronen, Bananen und Agaven, die hier bestens gedeihen, werden aus seinen schwarzen Felsblöcken gehauen. Und überdies jene pummeligen Tolharubangs, oder Großvater-Steine, die als mystische Wächterfiguren einst an Chejus Dorfeingängen standen und nun in Hotels, Souvenirshops und Tausenden koreanischen Wandverbauten Wache schieben.

Doch auch den Mongolen hat es auf Cheju-do lange genug gefallen, um der Insel seit dem 13. Jahrhundert einen besonderen Dialekt und ihre kleinwüchsigen Pferde zu hinterlassen. Mt. Songsan, ein ans Eastend der Insel gekauerter Minivulkan, ist wohl der ideale Platz, um alles auf sich wirken zu lassen: Die Gäule der Mongolen an der vorgelagerten Strandsichel, die zerrissenen, windigen Lavaklippen und die Silhouette der selbst hier aufgestellten Tolharubang-Statuen bestimmen den herrlichen Panoramablick. Im Gegenlicht erinnern die Figuren sogar ein wenig an die Osterinseln. Doch wirklich unheimlich wird es erst an den schwarzen Lava-Pools der tiefer gelegenen Küste, die ein wenig nach Misosuppe riecht und auch sonst für Überraschungen gut ist. Denn was kommt jetzt aus dem Meer gekrochen? Prustend, fluchend, mit dicker schwarzer Gummihaut, Seegurken unterm Arm und grün wabbelnden Algen winkend, erschrecken Chejus Algentaucherinnen seit jeher kleine koreanische Kinder und Touristen aus aller Welt. (Der Standard | Rondo | Robert Haidinger)

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