"Pyramiden mit ihrem Pharao an der Spitze gehören beseitigt"

6. Mai 2002, 21:16
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Kulturwissenschafter André Gingrich setzt auf ungewohntes Teamwork

Wien - "Die Pyramiden gehören beseitigt, mit ihrem Pharao an der Spitze und mit den Sklaven, all den Assistenten und Dissertanten, die arbeiten, bis sie schwarz werden - und den Ruhm erntet der Professor!" Wer André Gingrich gegen die Arbeitsweise wettern hört, die in den Sozial-und Kulturwissenschaften an den österreichischen Universitäten herrscht, möchte meinen, es spreche ein Assistent, und doch ist Gingrich Ordinarius für Ethnologie in Wien.

Sein bisheriges Forscherleben hat Gingrich hauptsächlich mit zwei langjährigen Projekten zugebracht: Zuerst, noch als Assistent, arbeitete er über Saudi-Arabien, "mit einer Pyramide in Wien und einer Pyramide in Saudi-Arabien". Das habe den Vorteil gebracht, dass seine Forschergruppe als eine von ganz wenigen westlichen ihre Ergebnisse in Saudi-Arabien auf Arabisch publizieren durfte - der einzige Vorteil, den André Gingrich durchaus konzediert.

Seine zweite Arbeitsgruppe leitete er bereits selbst, "als ganz flache Hierarchie". Finanziert aus Projektgeldern statt aus dem Uni-Budget, forschte Gingrich über Tibet, "mit drei jungen Kollegen, Underdogs ohne Job, denen jeder gesagt hat, sie sollen sich einen anderen Beruf suchen". Heute, nach zwölf Jahren, "sind aus den Underdogs Stars geworden, an denen international niemand mehr vorbei kommt".

Die Gruppe kooperierte in Wien mit Buddhismuskundlern, Philologen sowie Experten für Weidewirtschaft von der Universität für Bodenkultur und in Tibet mit einheimischen Historikern. - "Ein Vorzeigeprojekt", schwärmt Gingrich, das letztlich sogar ohne Restriktionen der chinesischen Behörden arbeiten konnte.

Erfolg mit Transparenz

"Mentoring statt bloßen freien Marktes oder mafiosen Nepotismus", heißt Gingrichs Losung heute, nach seinen Erfahrungen mit beiderlei Arbeitsweisen: Nur im flach strukturierten Team sei für jeden nachvollziehbar, wer wie und warum gefördert werde. Klar definierte Aufgaben schaffen transparente Erfolgskriterien. In Teams herrsche "kontrollierte Konkurrenz": gegenseitiger Ansporn, aber kein Kampf aller gegen alle.

In Pyramiden dagegen, in denen die Kommunikation nur über den Chef vermittelt ablaufe statt direkt zwischen den Mitarbeitern, "verschweigen einander die Leute sogar, wo und worüber sie arbeiten, um irgendwelcher eingebildeter Startvorteile willen".

Kreativ statt abhängig

Im Team können sich die Mitglieder "zu eigenständigen, kreativen Persönlichkeiten entwickeln", in Pyramiden bleibe man "in Abhängigkeiten verfangen".

Darum seien Pyramiden "enorme Ressourcenverschwendung" und mangels Ergebnissen schon ökonomisch unhaltbar.

Gingrich setzt seine Forderungen auch selbst um: Den mit 20 Millionen Schilling (1,45 Millionen Euro) dotierten Wittgenstein-Preis, den er 2000 erhielt, hat er großteils eingesetzt, um an der Akademie der Wissenschaften Arbeitsplätze für vier Teams von jungen Kollegen zu schaffen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 5. 2002)

Von Robert Schlesinger
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