Überwachen und Strafen

11. Juni 2002, 21:40
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Ein kühler Analyse-Versuch von Georg Büchners "Woyzeck" am Volkstheater

Nicht vom Leiden des Einzelnen handelt Georg Büchners "Woyzeck", sondern davon, wie Einzelne von der Allgemeinheit unterdrückt werden. Am Volkstheater versucht Regisseur Alexander Kubelka eine kühle Analyse. Teilweise mit Erfolg.

Von Richard Reichensperger


Wien - Der Sonntagabend im Volkstheater mit der Premiere von Georg Büchners Woyzeck war kein bedingungslos mitreißender, aber dennoch ein in weiten Teilen guter Abend. Hauptsächlich deshalb, weil Regisseur Alexander Kubelka nie auf Einfühlung setzt und auf keine Tränendrüse drückt (das macht leider Dramaturg Oliver vom Hove im Programmheft, wo er von "der Tragik des schlichten, gutmütigen Mannes, der das Weltgetriebe mitträgt", spricht).

Allzu oft läuft Theater über Einfühlung (der Schauspieler in Figuren, des Publikums in Schauspieler). Einfühlung setzt den Glauben an Individuen und deren selbstbestimmtes Handeln voraus. Georg Büchner aber war der Erste, der in einer offenen Dramenform, in Szenen-Flashlights, die den Einzelwillen ins Kleinste hinein deformierende Gesellschaft vorführte. Eben um das Weltgetriebe selbst und nicht um den "schlichten, gutmütigen Mann" Woyzeck geht es.

Dieses Getriebe wird schon in Gerhard Fresachers Bühnenbild sichtbar. Hohe hellgraue Wände, an den Seiten mit Gitterfenstern zur Beobachtung des Individuums: So schilderte Michel Foucault die totale Überwachung des Individuums in Gefängnis und Klinik. Der weiße Tisch auf der Bühne lässt nicht nur an einen Krankenhaus- oder Zellentisch denken, sondern dient auch als Küchentisch, auf dem Woyzecks Marie mit dem Tambourmajor vögelt (als ein echter "Bär von Mann": Thomas Evertz). Alles Natur. Und dennoch alles Klinik.

In dieser treten auf: die Systeme in großer Parade. Das Militär - gewaltige Trommelschläge (Ronald Seboth, Peter Vilnai), die Medizin (unauffällig, wie später mancher Massenverbrecher: Fritz Hammel). Und unter diesen allen, planiert, der Woyzeck des Karl Markovics. Einmal stülpt man ihm eine Militärtrommel über, und ein Soldat schlägt kräftig drauf: Das ist Woyzecks Existenz.

Die Gefahr wäre jetzt, dies "existenzialistisch" zu spielen. So war Klaus Kinski in Werner Herzogs Verfilmung der große Außenseiter. Auch Kubelka kann sich dem übermächtigen Film schwer entziehen und übernimmt dessen langsam voranschreitende Dramaturgie, was manchmal auch Langeweile verursacht. Karl Markovics aber unternimmt alles, um nicht Kinski nachzuahmen. Also spielt er nicht den gequälten Einzelnen, sondern die Marionette im System und arbeitet das Maschinelle heraus:

Sein Handgelenk schlenkert beim Erbsenexperiment, das der Mediziner mit ihm anstellt ("Er hat die schönste aberratio mentalis partialis, die zweite Spezies, sehr schön ausgeprägt"). Seine Haltung ist gebückt, wenn er den Hauptmann (mächtig: Hannes Gastinger) rasiert; sein Griff nach dem Messer, mit dem er seine Marie töten wird, ist fast zärtlich-zaghaft. Nie sind es freie Bewegungen, denn die Macht dringt in die Körper vor. Georg Büchner hat auch Woyzecks Sprache zerhackt, und Karl Markovics spricht die Sätze wie Hobelspäne. Negatives: Die Regie Alexander Kubelkas lässt die genaue Textversion (mit früheren Fassungen) sprechen, also auch den hessischen Dialekt. Das schaffen aber nicht alle Schauspieler, am wenigsten die (dennoch heftig applaudierte) Anna Franziska Srna als Marie.

Wirklich misslungen ist eine andere zentrale Szene: Da erzählt bei Büchner eine Großmutter ein wildes Märchen, das von Tod, von erloschenem Himmel, von Ausgesetztheit spricht und von einem verlassenen Kind, das auf der "Erd, ein umgestürzter Hafen" bis heute wartet: Die Regie hat mit einigen Kindern eine Erzählgruppe nachgestellt, wie sie die Brüder Grimm zu Büchners Zeit in Hessen vorfanden (Kostüme: Andrea Hölzl). Aber wie Vera Borek das erzählt, funktioniert es nicht: zu getragen, zu unklar. Schade. Aber man kann einstweilen ja die Kinder ansehen, die sind nie effekthaschend und eigentlich unauffällig, wie die Inszenierung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.05. 2002)

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