Das vokale Naturereignis

6. Mai 2002, 18:27
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Dee Dee Bridgewater mit neuem Kurt-Weill-Programm im Wiener Konzerthaus

Wien - Sie brach am Sonntagabend über das Wiener Konzerthaus herein wie ein Naturereignis. Wild gestikulierend, tanzend, zähnefletschend, über ihren Exgatten ebenso zwanglos plaudernd wie über das notorische Problem der Pausenschlangen vor Damen-WCs - und, ja, auch singend, besser: Songs zu plastischen Mini-Dramen formend.

Dass das jugendhafte Energiebündel auf der Bühne, das sich sichtlich in der Rolle des schlimmen kleinen Mädchens gefiel, Ende dieses Monats ganze 52 Lenze zählen wird, das schien hier gewisse biologische Grundprinzipien auf den Kopf zu stellen. Tatsächlich erwies sich Dee Dee Bridgewater in diesem denkwürdigen Konzert einmal mehr als beste und glaubwürdigste Performerin unter den neuen Primadonnen des Vokaljazz wie auch als dessen extrovertierteste und emotionalste Exponentin.

Bridgewater - mittlerweile bemüht, die Punzierung als Ella-Fitzgerald-Erbin, die ihr seit der "Dear Ella"-Hommage 1997 aufgeprägt wird, wieder abzuschütteln - füllt jede einzelne Note mit prallem, vollem Leben. Ihr Vortrag: pure Intensität.

Elektrisierender Kurt Weill

Dass man Kurt Weills Lieder, denen sie sich im aktuellen, bereits auf CD nachzuhörenden Programm This Is New (kürzlich erschienen bei Universal) angenommen hat, hierzulande eher in distanziert-kühler Brechung zu vernehmen pflegt - was kümmert es die langjährige Wahl-Pariserin mit Schauspiel- und Musical-Erfahrung? Schließlich sind Weill-Perlen wie "Mack The Knife", "Speak Low" oder "September Song" längst Bestandteil des einschlägigen Jazzrepertoires und untrennbar auch mit Namen wie Louis Armstrong oder (erneut) Fitzgerald verbunden.

Letzte Zweifel fegte Bridgewater selbst durch die Fulminanz ihres dramatisch veranlagten, rotzig-rauen, dann wieder anschmiegsam sanften stimmlichen Organs von der Bühne: Das freche Waisenkind-Epos der Jenny-Saga schien ihr an diesem Abend wie auf den Leib geschneidert; nie zuvor wurde auch der "Alabama Song" zu einer derart heißen, dampfenden Bluessession verkocht, in der Thierry Eliez die Hammond-Orgel lustvollst heulen lassen durfte.

Die Arrangements aus der Feder Cecil Bridgewaters (des erwähnten Exgemahls) kleideten Dee Dees Stimme in flexible Environments zwischen Mini-Bigband und kammermusikalischer Solo-Gitarren-Sekundanz, deren Vielfalt mit der Offenheit gegenüber Einflüssen zwischen Tango, Flamenco und einigem mehr korrespondierte.

Der neue alte Retro-Jazz-Purismus ist ihre Sache nicht. Auch wenn in balladesken Piecen wie "Lost in The Stars" deutlich wurde, dass ihre Stimmkraft doch ein Stück hinter der Bühnenpräsenz zurückblieb. Dieser Abend gehörte allein Dee Dee Bridgewater. Stehende Ovationen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.05. 2002)

Von
STANDARD-Mitarbeiter Andreas Felber

  • Dee Dee Bridgewater
    foto: universal

    Dee Dee Bridgewater

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