Fußbälle aus Pakistan

Redaktion, 07. Mai 2002 20:06

Der globalisierte Alltag eines Landes, in dem 80 Prozent aller weltweit so gern getretenen Wuchtln produziert werden

"Der König Fußball ist unser Leben, der König Fußball regiert die Welt." Das Zeitalter der Eier- oder Fetzen-Laberl, Wuchtln und Blunzn (aus der Zeit als aufgeblasene Schweineblasen mit Lederfetzen umwickelt wurden) ist allerdings längst passè. Heutzutage werden Fußbälle aus synthetischen Stoffen erzeugt ...


Der Ball ist rund und damit er es auch bleibt, ist viel Geschick und Können gefragt, um eben kein "Laberl" zu fertigen. In einem arbeitsintensiven Prozess werden auf Polyurethan-Streifen mehrere Lagen Latex aufgetragen - Für die Qualität des Produkts ist dieses so genannte "Innenlining" von großer Wichtigkeit - Aus diesen Bahnen aus synthetischem Leder werden die Polygone (20 Sechsecke und 12 Fünfecke pro Ball) ausgestanzt und perforiert, aus denen der Ball zusammengenäht wird. Die Vorteile dieses Materials liegen auf der Hand: Formveränderung ist im Gegensatz zum herkömmlichen "Eierlaberl" kein Problem mehr, weil homogen und wasserdicht, ferner begünstigt eine optimale Oberflächen-Rauhigkeit die Spielqualität.

80 Prozent aller Fußbälle werden in Pakistan produziert

Nach Herstellung der Vielecke beginnt erst die eigentliche Arbeit. Per Hand werden die Teile mit dem so genannten Doppelstich zusammengenäht. Dies geschieht vor allem in den ländlichen Regionen Pakistans, wo das niedrige Lohnniveau den Vorstellungen der Großkonzerne entspricht. An einem Tag (acht bis neun Stunden) fertigt ein geschickter Arbeiter zwei bis drei Bälle. Qualitätskontrolle, Anbringen der Labels und die Verpackung übernehmen die Exportfirmen. Betrug die Produktion 1990/91 in Pakistan rund 20 Millionen Bälle (bei 21-25.000 Beschäftigten) so wurden im Vergleichszeitraum 2000/01 rund 40 bis 43 Millionen Bälle (bei 50-60.000 ArbeiterInnen) hergestellt. Dies entspricht einem Weltanteil am Fußballmarkt von 80 %.

Waren bis in die 70-er Jahre Manufakturen tonangebend, so kam es im Zuge des Strukturwandels zu Veränderungen des Sozialsystems, Umstrukturierung der Arbeitsorganisation und Rationalisierung. Konzentration des Exportgeschäfts, Auslagerung (Outsourcing) der Teilproduktionen und die Entstehung von eigenständigen Kleinbetrieben waren die Folgen.

"Es gibt nur eines, das schlimmer ist, als von den Multis überrollt zu werden, nämlich nicht überrollt zu werden" - Ulrich Beck (Soziologe)

Mitte der 90-er Jahre erwirtschafteten die 34 führenden pakistanischen Sportartikelfirmen rund 2,5 Millionen Euro (3.742 Millionen Rupien) Jahresumsatz, bei einem 45-prozentigen Anteil der pakistanischen Gesamtproduktion. Dies entspricht in etwa dem Umsatz, den allein der FC St. Pauli durch den Fanartikelverkauf erzielt.

Altersstruktur

Betrachtet man die Altersstruktur der FußballnäherInnen, so ist festzustellen, dass der größte Teil (91%) ein Alter unter 30 Jahren angibt (unter 10 Jahren: 4%, 10-14 Jahre: 30 %, 15-17 Jahre: 19%, 18-29 Jahre: 38%). Ungefähr die Hälfte der ArbeiterInnen kommt aus landlosen Familien, für die meisten von ihnen ist die Näherei existenziell wichtig, für wenige geht es um ein Zusatzeinkommen um einen etwas höheren Lebensstandard zu erreichen.

Die Entlohnung erfolgt nach Stückzahl, dabei werden Kinder großteils (63%) genauso entlohnt wie Erwachsene. 1996 betrug der Lohn für einen Ball 0,56 Euro, das ergab hochgerechnet ein Monatseinkommen von ca. 35 Euro. Hierarchie und Arbeitsteilung bedingen nicht nur in Sialkot ein niedriges Lohnniveau und verhindern Nachfrageimpulse für den Binnenmarkt. Dies wiederum führt zu einem hohen Anteil an Kinderarbeit. Trotz starker Expansion sinkt der pakistanische Wertschöpfungsanteil in der Sportartikel-Industrie. Bestenfalls 10 Prozent des Endverbraucherpreises eines Balls fließen nach Pakistan und der Umsatz der Sportartikel-Industrie wächst um ein Vielfaches schneller als der von Sialkots Fußballindustrie.

Alternative Organisationen

Während die Großkonzerne an Konzepten zur Gewinnmaximierung tüfteln (enge Sponsoring-Verflechtung mit Sportverbänden und Stars, konsequenter Verzicht auf eigene Produktionsstätten und damit auf Verantwortung für die dortigen Arbeitsbedingungen, konsequente Ausnützung des Lohngefälles zwischen den Ländern, Börsegang, Aufblähung des Werbeetats,...), versuchen alternative Organisationen eine Verbesserung der Arbeitssituation in Pakistan zu erzielen. Unter dem Motto "Faire Bälle aus Sialkot" garantiert das Unternehmen "gepa" einen 25 % höheren Exportpreis pro Ball, deutlich höhere Löhne, die ab zwei NäherInnen pro Familie existenzsichernd sind, Einrichtung von Gemeinschaftsfonds zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Dörfern,... Solche Initiativen sollen in erster Linie Kinderarbeit verhindern, den Schulbesuch ermöglichen und Zwischenhändler ausschalten.

Auch die europaweit von 150 Organisationen unterstützte "clean clothes campaign" hat sich die Verbesserung der Arbeitsbedingungen zum Ziel gesetzt. Hauptpunkte sind die Schaffung von Sozialstandards, Verhaltenskodizes für die Konzerne (keine Zwangs- und Kinderarbeit, keine Diskriminierung, existenzsichernder Lohn, Vereinigungsfreiheit, geregelte Arbeitszeiten mit maximal 48 Stunden pro Woche und last but not least ein festes Beschäftigungsverhältnis.

Als Alternativen zur neoliberalen Globalisierung oder zur Re-Regulierung der Weltwirtschaft werden folgende Richtlinien gefordert: die Verankerung von Sozialklauseln innerhalb der Welthandelsorganisation (WTO), die Verpflichtung für Konzerne zu höheren Importpreisen zur Ermöglichung von menschengerechten Löhnen, die Ausweitung der Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten in global agierenden Konzernen, Beschränkung und Kontrolle der Finanzspekulationen und schließlich Schuldenerlass und eine Erweiterung des Handlungsspielraums für Entwicklungsländer ... (hon)


Jörg Zimmermann ist Geograph und arbeitet als Lehrer in Berlin. Seine Dissertation erschien unter dem Titel "Kleinproduktion in Pakistan. Die exportorientierte Sportartikelindustrie in Sialkot, Punjab" 1997 im Berliner Verlag Dietrich Reimer.

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