Geliebt und verspottet

3. Mai 2002, 14:48
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Schon bei seiner Geburt löste er nicht nur Entzücken unter den Gartenarchitekten aus, auch heute noch, an seinem 130. Geburtstag, scheiden sich die Geister am "deutschen Gartenzwerg".

Mit der serienmäßigen Produktion im thüringischen Gräfenroda begann 1872 eine lange Geschichte von Sammlerstolz, Verachtung und erbittertem Streit zwischen Nachbarn. Dem "Hartbrandwichtel", wie ihn Juristen nennen, widmen die Künstlerin Andrea Szatmary und die Kulturwissenschaftlerin Claudia Rücker zum Jubiläum eine Ausstellung in Berlin.

Unter dem Motto "Geliebt und verspottet" haben sie eine Sammlung zur Geschichte des umstrittenen Objekts zusammengestellt. Farbenfrohe Garten-Fotos aus Zwergenperspektive von Ruth Zuntz, Erotik-Gnome in Peep-Show-Kästen, Prozessakten, riesige rote Filzmützen, Interview-Ausschnitte von Wichtel-Besitzern aus dem Ruhrgebiet, Berlin und Thüringen bis hin zu einem 100-jährigen Zinkzwerg aus dem Bochumer Bergbaumuseum sind zu sehen.

"Es war vor allem der polarisierende Charakter des Gartenzwergs, der unser Interesse weckte", sagen die Ausstellungsmacherinnen. Der Streit beginne schon bei der Frage der Herkunft: Manche behaupten, das "Männlein aus Ton" sei vor 6.000 Jahren in Kappadokien erfunden worden und somit der erste "türkische Gastarbeiter" in Deutschland.

Rund 25 Millionen Gartenzwerge stehen heute laut Rücker allein in Deutschland. "Ein deutsches Phänomen ist er aber schon lange nicht mehr. In Frankreich gibt es Zwergenbefreier, in der Schweiz eine Schutzvereinigung und in England sogar das einzige Reservat für Gartenzwerge", sagt die Wichtelexpertin. Ausgestellt haben sie auch die Polaroid-Fotos des weltreisenden Gartenzwergs aus dem Film "Die fabelhafte Welt der Amelie", wie er vor dem Kreml, den Pyramiden oder einem griechischen Tempel posiert.

Während sich zunächst nur Reiche die individuell bemalten Gnomen-Figuren aus gebranntem Ton leisten konnten, wurde der Gartenzwerg in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts zur Massenware. "Den größten Boom erlebte er in den 60er Jahren", sagt Rücker. Laut Allensbach- Umfrage liebten damals zwei Drittel der Deutschen den Gartenzwerg - heute sind es immerhin noch 40 Prozent.

Um 1965 entstanden auch die ersten Politikerzwerge. Waren es damals Adenauer und Erhard, ist heute das Modell "G. Gysi", 13 Zentimeter groß - "als Eierbecher verwendbar" - und mit abnehmbarer Zipfelmütze für 9,71 Euro im Internet zu erstehen.

Beim Thema Wichtel versteht aber nicht jeder Spaß. 1996 zum Beispiel verklagte ein Mann seinen Nachbarn, weil der einen Gartenzwerg mit einer eindeutig unmoralischen Geste auf einer Gartentonne einen Meter vom Grundstück des Klägers entfernt aufgestellt hatte. Er fühlte sich dadurch beleidigt. Ein Fall von Tausenden. Auch mit der Wut der Wichtelgegner ist ein gutes Geschäft zu machen: Im "Racheshop" ist für 20,43 Euro ein laut furzender Zwerg zu haben - "mit Gag-Garantie und Bewegungsmelder".

Die Exponate sind bis zum 12. Mai in der Neuköllner "Galerie im Körnerpark" zu sehen. Danach wandert die Ausstellung ins Gartenbaumuseum Erfurt, im Herbst in die Zeche Zollern nach Dortmund. (APA/red)

(S E R V I C E: Web: Zwerge im Netz: http://www.gartenzwerge-deutschland.de, http://www.zwergen-griebel.de, http://www.zwergen-power.de)

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    Schon bei seiner Geburt löste er nicht nur Entzücken unter den Gartenarchitekten aus, auch noch heute, an seinem 130. Geburtstag, scheiden sich die Geister am "deutschen Gartenzwerg".

    Mit der serienmäßigen Produktion im thüringischen Gräfenroda begann 1872 eine lange Geschichte von Sammlerstolz, Verachtung und erbittertem Streit zwischen Nachbarn.

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    Während sich zunächst nur Reiche die individuell bemalten Gnomen-Figuren aus gebranntem Ton leisten konnten, wurde der Gartenzwerg in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts zur Massenware. "Den größten Boom erlebte er in den 60er Jahren", sagt die Kulturwissenschafterin Claudia Rücker.

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    Rund 25 Millionen Gartenzwerge stehen heute laut Rücker allein in Deutschland. "Ein deutsches Phänomen ist er aber schon lange nicht mehr. In Frankreich gibt es Zwergenbefreier, in der Schweiz eine Schutzvereinigung und in England sogar das einzige Reservat für Gartenzwerge", sagt die Wichtelexpertin.

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    Im Reich der Zipfelmützen hängt der Haussegen schief: Stein des Anstoßes ist eine weibliche Variation der altbewährten Gartenzwerge. Im thüringischen Gräfenroda hatte Firmenchef Reinhard Griebel eine Zwergin mit roter Zipfelmütze hergestellt. Bei der "Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge" mit Sitz in Basel sorgte dies für Empörung und für einen nicht ganz bierernst zu nehmenden Streit beim Kongress der Vereinigung.

  • Auch mit der Wut der Wichtelgegner ist ein gutes Geschäft zu machen: Im "Racheshop" ist für 20,43 Euro ein laut furzender Zwerg zu haben - "mit Gag-Garantie und Bewegungsmelder".
    www.racheshop.de

    Auch mit der Wut der Wichtelgegner ist ein gutes Geschäft zu machen: Im "Racheshop" ist für 20,43 Euro ein laut furzender Zwerg zu haben - "mit Gag-Garantie und Bewegungsmelder".

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    Kürzlich hat die international agierende "Front zur Befreiung der Gartenzwerge" von sich reden gemacht: Genau 202 entführte Gartenzwerge wurden als "französisches WM-Team" auf einem Fußballfeld im nordostfranzösischen Heming abgestellt. "Das ist unsere französische Weltmeisterschaftsmannschaft 2002", hieß es nach Angaben der Gendarmerie vom Donnerstag in einem "Bekennerschreiben" der "Gartenzwerg-Befreiungsfront". (apa/red)

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