Jacques Chirac - Was kommt nach dem Sieg für "el Chi"?

5. Mai 2002, 20:27
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Es kann kein Zweifel bestehen: Jacques Chiracs Stimme ist zwischen der ersten und der zweiten Wahl tiefer geworden. Markiger, gravierender. Bedeutungsschwanger sagt er: "Die Zeit des Handelns ist gekommen." Nach siebenjähriger Untätigkeit im Elysée-Palast? Solch böswillige Einwände hörte man in den letzten Tagen nicht; selbst die angestammten Gegner des neogaullistischen Präsidenten hielten sich zurück, um nicht Le Pen Vorschub zu leisten.

Zudem war Chiracs Engagement gegen Le Pen echt. "Ich habe das Bündnis mit der extremen Rechten immer verweigert", donnerte Chirac am letzten Freitag bei einem Wahlauftritt. Da lachte niemand mehr, wie noch vor dem ersten Wahlgang, als die Chirac-Puppe "Supermenteur" (Oberlügner) in der Fernsehsatiresendung die ganze Nation belustigt hatte.

Gegen Le Pen witterte der bald 70-jährige Staatschef Morgenluft. Vergessen die nichts sagenden Auftritte vor dem ersten Wahlgang. Le Pens Erfolg im ersten Durchgang, der die Nation aufschreckte, verhalf dem ewigen Wahlkämpfer zu neuer Energie, zu einer neuen Aura. Widerwillig, zähneknirschend folgte die Linke dem Präsidenten, der mit den Finanzaffären jonglierte - aber sie folgte. "Hasta la victoria, el Chi", schrieb ein Mädchen bei einer 1.-Mai-Demo augenzwinkernd auf ihr Transparent.

Chirac schrieb in seiner Wahlbroschüre zurück: "Ich brauche euch." Und in einer Regionalzeitung: "Einem Linkswähler sage ich, dass ich ihn respektiere, dass ich ihn verstehe. Ich bitte ihn, bis zum Letzten zu gehen und der extremen Rechten einen Riegel vorzuschieben." Das "Letzte" war es, Chirac die Stimme zu geben. Ohne etwas dafür zu erhalten. Der gaullistische Präsident hat der Linken im Wahlkampf nichts versprochen. Im Gegenteil stellt er einen klaren Rechtskurs in Aussicht: "Wir zahlen die Quittung für eine zu lange Periode der Untätigkeit, was die Unsicherheit und die Gewalt anbelangt, die Auswüchse der Bürokratie und der Steuern."

Also doch Untätigkeit. Die führt Chirac aber nicht auf sich selbst, sondern auf die "cohabitation", die politische Zwangsehe mit Premier Jospin zurück. Chirac bedeutet der Nation: Gebt mir bei den Parlamentswahlen im Juni nicht schon wieder eine Linksregierung, sonst blockieren sich die beiden Lager erneut, und mein ganzer Reformeifer wird im Keim erstickt. Die Frage ist, ob die Franzosen ihrem Staatschef noch zutrauen, dass er sich nach geschlagener Wahlschlacht auf die Hinterbeine stellt. Allzu angekratzt ist sein persönliches Image, seine präsidiale Autorität. Bei einem Besuch in einer Schulklasse wurde er letzte Woche gefragt: "Tragen Sie Boxershorts oder Slips?" Bei einem Mitterrand oder de Gaulle hätte selbst ein Frechdachs keine solche Frage gewagt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. Mai 2002)

Von Stefan Brändle
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