Als Provinztruppe zum Erfolg

9. Juni 2002, 20:29
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Alexander Ostrowskijs traditionelle Komödie "Der Wald" am Akademietheater: In der Untiefe liegt der Publikumsspaß

Auch die russische Seele kann ziemlich flach sein: Die Akademietheater-Premiere von Alexander Ostrowskijs traditioneller Komödie "Der Wald" scheint das beweisen zu wollen. Tamás Aschers Regie steuert alle Untiefen an. Und erreicht genau damit das Publikum.

Von Richard Reichensperger


Wien - Es muss gelacht werden. In Wien, das Hermann Broch schon als "schwachsinnig heiter" perhorreszierte, setzt Klaus Bachlers Burg-Intendanz auf vermeintliche Publikumsrenner: Alexander Ostrowskijs Klamotte Der Wald (1871) wird von Tamás Ascher heiter inszeniert und von Publikumslieblingen wie Kirsten Dene, Sven-Eric Bechthold, Martin Schwab und anderen heiter gespielt.

Das Ergebnis der Akademietheater-Premiere vom Freitag: Depression. Wie sie einen ja oft gerade in launiger Gesellschaft anfällt. Diese Gesellschaft ist die russische um 1870, für die der Erfolgsautor Ostrowskij Stücke von der Art schrieb, die niemandem wehtun, weil wenig zu erfahren ist über die wirklichen Probleme der Gesellschaft.

Obwohl Gutsbesitzer, Bauern, Geschäftemacher und Provinzhonoratioren auftreten: Im Grundriss ist es schon das Personal, aus dem Tschechow zwei Jahrzehnte später sein modernes Drama entfalten wird. So hätte auch die Wahl des Ostrowskij-Stückes einen Sinn, wenn es in der Burg-Programmplanung eine Linie gäbe, etwa "Vormoderne russische Dramatik".

Gräben klaffen zwischen Alexander Ostrowskij und Späteren, und diese verstaubte Inszenierung macht nichts, um wenigstens die Bruchlinien sichtbar zu machen. Stattdessen versucht sich Tamás Ascher in einer Operette in Prosa und lässt dabei seinen männlichen und weiblichen Stars allzu freien Auslauf:

Kirsten Dene singt, trillert und brummt eine korrupte Gutsbesitzerin, die Wälder verkauft, um sich junge Liebhaber (Michele Cucioffo) zu kaufen. Sicher, wenn die Dene zuletzt ein Hochzeitskleid überquellend ausfüllt (Kos-tüme: Gerlinde Höglhammer/ Wolfgang Zach), so darf gelacht werden, wie man vielleicht auch über Marikka Röck lachen und dazu schunkeln kann. Die feinere Dene zeigt sich aber zum Glück doch noch in kleinen, durchdachten Szenen, so in der kalkulierten Gestik bei Grundstückverhandlungen mit dem Holzhändler Wosmibratow (Florentin Groll).

Tamás Ascher will offensichtlich das banale Kammerspiel zu einer Karikatur hin überzeichnen. Aber eine Karikatur hat nur Sinn, wenn sie aggressiv Missstände bloßlegt. Die Inszenierung zeigt erst am Ende, was eine Stoßrichtung sein hätte können: die Verlogenheit einer Provinzgesellschaft, die sich selbst spielt und den Schauspieler aus der Provinztruppe, der das Spiel mit einem echten Geschenk an ein junges Liebespaar aufbricht, mit Verachtung straft.

Ascher aber gelingt es nicht, den ernsten Untergrund seinen Schauspielern zu erklären. Sie spielen fast drei Stunden ungezügelt drauflos und werden dazu auch vom Stück her verleitet, weil dieses selbst gescheiterte Provinzschauspieler auf der Bühne agieren lässt (und was lieben Schauspieler mehr als Stücke über Schauspieler?):

Da darf Sven-Eric Bechtolf als Schauspieler Tragikow in überzeichnendem Pathos zwischen Hamlet- und Schiller-Zitaten springen, ungezügelt darf er die "Rampensau" des Stückes spielen und spielt sie auch (das Publikum mag das). Subtiler Martin Schwab als Tragikows Gegenspieler Komikow. Ein wenig erinnert Schwab hier sogar an den Talkshow-Moderator Alfred Biolek, und eigentlich ist das ganz hübsch.

Und sonst? Ein blasses junges Liebespaar (Agnes Riegl, Daniel Jesch), eine zu harmlose Haushälterin (Hilke Ruthner), ein guter Hans Dieter Knebel, der seinen Diener so anlegt, als hätte er sich aus einem Hofmannsthal-Stück in diesen Wald verirrt (der Wald übrigens gut abstrahiert im Bühnenbild von Zsolt Khell). Heinz Schubert als Offizier a. D. hingegen hält es mehr mit einem Schnitzlerschen Offizierskasino. - Was bleibt? Nichts. Applaus.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 06.05. 2002)

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