Operettungslos verloren

11. Juni 2002, 21:35
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Premiere der Comic Opera "Die Piraten von Penzance" von William S. Gilbert & Arthur Sullivan an der Volksoper

Am Samstag hatte die Neuproduktion der Comic Opera "Die Piraten von Penzance" von William S. Gilbert & Arthur Sullivan an der Volksoper Premiere. Trotz der Mitwirkung von Gwyneth Jones ist sie vom Geist des Originals weiter entfernt als die Donau von der Themse.

Von Peter Vujica


Wien - Das gute alte Sprichwort "Frisch gewagt ist halb gewonnen" lässt sich natürlich auch umkehren. Dann kommt nicht nur "Halb gewagt ist frisch verloren" heraus, sondern auch so etwas wie die samstägige Gilbert-&-Sullivan-Premiere an der Wiener Volksoper.

Die Erneuerung des Genres der leichten Muse war zwar angesagt. Was erneuert wurde, ist allerdings nichts als bleierne Tradition. Man ließ es wie in der Operetten-Steinzeit bei unbeholfenem Ge-hampel bieder geschürzter Mädchen und bei ein paar Bobbys bewenden, die zum faden Takt der Musik dümmlich wackelnd von einem Bein auf das andere treten (Choreografie: Hans-Georg Lenhart).

Fast scheint es so, als widersetzte sich der offenbar im Gebäude der Volksoper waltende Geist des Miefs auf geradezu dämonische Weise jeder Form der Belebung. Sogar Bert Neumann, Frank Castorfs mutigem szenischem Mitstreiter an der Berliner Volksbühne, ist der Ausflug nach Wien schlecht bekommen. Domestiziert vom erwähnten Hausgeist, sorgt er für ein billige Revuefreuden verheißendes, blinkendes und schimmerndes Einheitsbühnenbild.

Doch nicht einmal diese Verheißung geht in Erfüllung: Denn die armen Piraten von Penzance kommen ebenso wenig von der Stelle wie ihr monumentales Schiff, mit dem Neumann die Bühne vollräumt. Denn die von Regisseur (Matthias Schönfeldt) und vom Dirigenten (William Boughton) musikalisch verursachte Esprit-Flaute bläht kein Segel. Kein Wunder, dass da ein Haarföhn her muss, um ein Piratenfähnchen zum Flattern zu bringen.

Und dies, obwohl die witzige Geschichte eines Piratenlehrlings, der zu einem Musterbürger mutiert und nach zahllosen Verwicklungen zum Happyend die Tochter eines Generalmajors heiratet, eine Fülle von Anspielungen (von wohlständig müde gewordenen Achtundsechzigern über skurrile Militaristen bis zu hasenherzigen Exekutivorganen) zugelassen hätte.

Pappiges Klangmüsli

In die Partitur hat Arthur Sullivan derlei Anspielungen - von Rossini bis Verdi und Gounod - sogar hineingeschrieben. Doch diese akrobatischen Wechsel zwischen ironischem Zitat und heiterem Ernst wurden zum viel zu zähen und pappigen Klangmüsli gemischt.

Derlei Orchesterfundament macht die Leistungen der Solisten schwer beurteilbar. Adrian Eröd jedenfalls, der die Rolle des Piratenkönigs innerhalb von zwölf Stunden studieren musste, weil Wicus Slabbert plötzlich erkrankte, kämpfte erstaunlich souverän gegen die Unbilden des szenischen und musikalischen Gesamtklimas. Ebenso Dame Gwyneth Jones, die wie einst in den lichten Wagner-Höhen auch im bescheideneren Milieu ihrer britischen Landsleute mit bewundernswertem Mut zu natürlicher Komik beste Figur machte.

Was von den beiden Darstellern des sich wandelnden Piratenlehrlings weniger der Fall ist. Sowohl Stephen Chaundy als auch Howard Nightingall boten nicht mehr als ambitionierten Durchschnitt, über den sich musikalisch nur Akiko Nakajima als erstaunlich kontaktfreudiges Töchterchen des Generalmajors und Christina Costisella als eine ihrer fünfzehn nicht minder lebenslustigen Geschwister zu erheben vermochten.

Als deren Papa brillierte Josef Forstner mit seinen kaskadenhaft virtuos gesungenen Plapperarien zu seinem Auftritt. Bei deren Vorführung schien er sich aber dermaßen verausgabt zu haben, dass er sich mit steigender Bereitwilligkeit der am Schluss geradezu unerträglich werdenden, lähmenden Müdigkeit dieses Abends ergab.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 06.05. 2002)

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