Unter einer Brücke

3. Mai 2002, 22:05
posten

Dirk Kurbjuweit fasst in seiner Novelle die Sprachlosigkeit in Worte

In den Siebzigerjahren, als Kind, war ich immer als Erster beim Telefon. Die Telefondose gab nämlich, knapp bevor sich ein Anruf durch Klingeln bemerkbar machte, ein Glucksen von sich. Wie das Zirpen von Fledermäusen war dieses Glucksen ein Kindergeräusch: Meine Eltern schienen es nie zu hören. Es überraschte sie jedesmal, wenn ich das Telefonklingeln ankündigte und meine Voraussage prompt eintraf.

In Zweier ohne, dem neuen Buch von Dirk Kurbjuweit, hört Ludwig das Ploppen der Selbstmörder im Garten, die von der Brücke springen, unter der er mit seinen Eltern wohnt. Das Ploppen ist auch ein Kindergeräusch. Ludwig und Johann - der Icherzähler - sind immer als Erste bei den Leichen, kurz bevor der Vater, lange bevor die Polizei kommt. Sie nützen die wertvolle düstere Zeit, während der ihnen die Leiche "gehört", um sich die Lebensläufe der Unglücklichen auszudenken. Eines Tages, viel später, gegen Ende der Novelle, werden Ludwig und Johann eine Leiche für sich behalten. Diese letzte Leiche wird ihnen allein gehören: als letzter verzauberter Gegenstand, den sie als Kinder besitzen, bevor sie zu jenen Erwachsenen werden sollen, von denen man sagt, dass ihnen alles gehört.

Ludwig und Johann, das ist eine außerordentliche Freundschaft, ein Schwur, "Zwillinge" zu sein, um die wirklichen Zwillinge aus Potsdam zu besiegen, ihre Konkurrenten beim Rudern im Zweier ohne Steuermann. Zuerst gelingt ihnen das Erzeugen eines künstlichen Zwillingsdaseins immer besser, aber dann stecken sie in der Pubertät - und die Gewichtung verschiebt sich in gefährliche Richtungen. Gewichtung in doppeltem Sinn, denn als Ruderduo haben sie Probleme, das gemeinsame Gewichtslimit zu halten. Ludwig frisst sich besinnungslos voll. Er will nicht von dem Konzept der ausschließlichen Freundschaft lassen, obwohl Johann ihn immer öfter anlügt. Johann hat etwas mit Ludwigs Schwester Vera. Die Sprachlosigkeit in Worte zu fassen, das geht nur durch Auslassungen und Leerstellen, und darin liegt die Meisterschaft von Dirk Kurbjuweit.

In einer Zeit, in der alle Verlage wie auf Zuruf das Risiko eingehen, mittellange Prosatexte nicht mehr "Roman", sondern "Novelle" zu nennen - bemerkenswerterweise wagen alle den Schritt gleichzeitig, was das Risiko minimiert - tritt der Lesende diesen Modenovellen am besten mit gebührender Skepsis entgegen. Die Dinger hat man meist schnell durch, und in der darauffolgenden Woche erinnert man sich bestenfalls durch einen diffusen Schleier an sie.

Das Gegenteil ist bei Dirk Kurbjuweits Prosa der Fall. Feinfühlig, fast so nuanciert wie Denton Welsh oder Richard Brautigan, beschreibt der Spiegel-Reporter (1998 Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste Reportage) eine Kindheit, grell, leidenschaftlich und irgendwann in Trümmern. Dabei widersteht der handwerklich perfekte Autor der Versuchung des Zu-dick-Auftragens und beweist gleichzeitig einen Sinn für Dramaturgie. Die Schlussszene, konstruiert durch einen Blick aus zeitlicher Distanz, der die Perspektive gleichzeitig bricht und erklärt, ist in ihrer Zurückhaltung, Bescheidenheit und Tiefe ein besonderes (und ein grauenhaftes) Vergnügen.

Die wunderschönen düsteren Katastrophen- und Todesszenen, aber auch eine penibel dosierte Naivität im Tonfall tragen den Text und ergeben in ihrer Gesamtheit ein Buch, das man in einem Zug ausliest, kräftig und vielschichtig wie ein Traum, den man in einem Zug austräumt.
(ALBUM, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04./05.05. 2002)

Von
Martin Amanshauser


  • Bild nicht mehr verfügbar

    Dirk Kurbjuweit
    Zweier ohne

    Nagel & Kimche,
    Zürich 2001

Share if you care.