Wellenbewegungen

3. Mai 2002, 22:41
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Die Frage der Warenverknappung am (französischen) Kunstmarkt

Das Wort "Krise" in Kunstmarktkreisen auszusprechen bedeutet, den Teufel an die Wand zu malen. "Nur ja kein Pessimismus", heißt es dementsprechend prompt bei Sotheby's Paris, wenn man die Frage stellt, ob die Rezession Konsequenzen auf das Warenaufkommen hat. Der Pariser Altmeister-Gemälde-Experte René Millet stellte bereits im Dezember 2001 fest, dass die - traditionell hervorragend bestückten - Auktionen vor Weihnachten ganz unmittelbar unter dem Schock des 11. 9. 2001 zu leiden hatten. Denn die Ware für Dezember wird Anfang Oktober eingeliefert. Zu diesem Zeitpunkt hielten die Verkäufer ihre Objekte zurück. Sie warteten ab. Alle Akteure des Kunstmarktes sind sich darüber einig. Das Expertenkabinett Camard, das mit dem Auktionator Le Mouel Versteigerungen organisiert, annullierte z.B. die für den 11. 10. 2001 vorgesehene Art-déco-Auktion, "um kein Risiko einzugehen", so Camard.

Das erste Fazit der bereits Anfang 2001 konstatierten Wirtschaftskrise lautet also: Warenverknappung. Daraus entsteht eine Verlangsamung des Marktes. Christie's verzeichnet einen Rückgang von 20 Prozent seines Warenaufkommens. Die französischen Versteigerer haben rein zahlenmäßig weniger Auktionen und weniger Kataloge anzubieten. Es gibt auch weniger Spitzenware als bisher. Üblicherweise sind die Auktionen im März die ersten Highlights des Jahres. Heuer gab es zwar einige gute Ergebnisse, auch Weltrekorde, aber die übliche Dynamik des Auktionsmarktes stellte sich nicht ein. Was übrigens nicht nur für Frankreich gilt, wie Gemäldeexperte Millet leicht provokant einwirft: "Auch in London gab es im April kaum ein Bild, das wie ein Gemälde ausschaute ..." Eine weitere, einhellige Feststellung lautet, dass - in Frankreich - in Wahljahren die Aktivitäten immer geringer sind. Händler (und Kunden) verfügen jedoch über Geld und suchen auch gute Ware. Ebenso die internationalen Dekorateure, die z.B. für ihre US-Kunden in Paris einkaufen. Wenn es gute Objekte gibt, erwerben sie diese. Und zwar auch zu extrem hohen Preisen. Das (teils überzogene) Preisniveau täuscht auch bei den Bilanzen über ein leichtes Nachgeben des Marktes hinweg, wie Christie's-Direktor François Curiel bemerkt: "Es ist eine Ironie des Schicksals, dass sich die Objekte jetzt vielleicht noch besser verkaufen als vor einem Jahr. Auch unsere Verkaufsquote ist generell sehr gut und liegt seit Jahresanfang im Schnitt bei 82 Prozent." Curiel und eine Vertreterin des zweiten Pariser Auktionshauses Piasa meinen auch, aus ihrer langjährigen Sicht sei die aktuelle Materialsituation insofern nicht beunruhigend, weil sie sich immer wellenartig entwickle.
(ALBUM, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04./05.05. 2002)

Von
Olga Grimm-Weissert

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at
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