"Ihr Österreicher habt damit bereits Erfahrung"

3. Mai 2002, 23:04
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Was einem an der französischen Situation bekannt vorkommt. Und wo die Vergleichbarkeit endet

Von Robert Fleck


Montag, 22. April, in der Kunsthochschule in Nantes. "Guten Morgen! Na, wir haben's jetzt noch schrecklicher fertiggebracht als die Österreicher!" "Ich bin niedergeschmettert", sagt ein anderer. Ein dritter Professor meint: "Du kennst das ja bereits, leider." Sie sprechen mit mir, dem Österreicher, den man an seinem Akzent erkennt. Ein vierter: "Ich bin fuchsteufelswild. Alle meine Freunde gingen fischen oder spazieren, anstelle zu wählen. Ihr Österreicher habt mit dieser politischen Situation bereits Erfahrung."

Am Beginn des ersten Arbeitstags nach dem unvorstellbaren Zwischenwahlergebnis versuchten alle, die nicht Le Pen gewählt hatten, mit dem Ereignis fertig zu werden. Was zunächst auffiel, waren die hunderten übernächtigten Gesichter. In den Strassen von Nantes sah man kaum jemanden, der geschlafen hatte.

Bei einer Pressekonferenz zu einem anderen Thema wurde ich eingangs von den Journalisten gefragt, was ich als Österreicher den Franzosen in dieser Lage zu sagen hätte. Darin lag kein Zynismus. Der Vergleich mit Österreich half zu verstehen, was in Frankreich geschehen war, und die Dinge in die Hand zu nehmen.

Ist der Vergleich angebracht? Viele Dinge sind tatsächlich vergleichbar: der Stil von Haider und Le Pen, mit den ständigen verbalen Attacken, usw.; die Herkunft beider Parteien (VdU bei der FPÖ, ehemalige Kollaborateure des Vichy-Regimes beim FN); die Programme: Liberalismus, Protektionismus, Law and Order, Ausländerhass, Denunzierung der Eliten und der parlamentarischen Demokratie; ein neues ideologisches Potenzial, das Menschen anspricht, die modernes Leben mit strengen Regeln wollen, sich zugleich an die Ausgegrenzten der Zweidrittelgesellschaft wendet und Ängste im Zeitalter des Individualismus bedient. Dazu kommt eine fünfzehnjährige Vorgeschichte mit unablässigen Angriffen auf das überkommene politische System...

Frankreich und Österreich sind überdies zwei Länder, die ihre Vergangenheit in der Epoche des Nationalsozialismus nie "durchgearbeitet" haben, und in denen eine rasche wirtschaftliche, kulturelle und technologische Modernisierung der Mentalität der Menschen davonlief. In beiden Fällen erstarrte die Sozialdemokratie in langen Regierungsperioden zu einem technokratischen Stil, der keine Zukunftsträume zuließ. Und beiderseits erzeugten politische Institutionen, die geschaffen wurden, um Stabilität zu garantieren (Koalitionsregierung und Sozialpartnerschaft in Österreich, Direktwahl des Staatschefs in Frankreich), ein Widerstandspotenzial, das nun das Land gefährdet. Interessant ist der häufig wiederholte Hinweis, dass die fünfjährige "Cohabitation" zwischen einem rechten Staatschef und einer linken Regierung eine Große Koalition "à l'autrichienne" herbeigeführt habe, die in den Augen vieler Menschen eine Alternative nur jenseits des demokratischen Spektrums zuließ.

Unvergleichbar aber sind die politischen Situationen. Seit den ersten Wahlerfolgen Le Pens ab 1983 stellen sich die Politiker aller französischen Parteien mit ganz wenigen Ausnahmen dem ideologischen Kampf. Man sagte nicht - wie lange Zeit in Österreich über Haider -, eine Zusammenarbeit mit ihm stehe nicht zur Debatte, ohne hinzuzufügen warum. Ausländerhass und Rassismus werden beim Namen genannt. Das ergibt über die Jahre hinweg eine politische Erziehung, die am nächsten Sonntag zu einem massiven Referendum für die Demokratie beitragen kann. Andererseits hat sich Frankreich, in dem die Demokratie 120 Jahre älter ist als in Österreich, auch dreimal einen Diktator gegeben - 1851 sogar per Direktwahl des Präsidenten.

Die Stimmung dieser zwei Wochen ist unbeschreiblich. Fast jeder fühlt sich schwer angeschlagen und konzentriert sich nur mit Mühe auf seine Arbeit. Überall wird geredet. Täglich gibt es große Demonstrationen, sogar Passanten rufen individuell auf der Strasse "Nieder mit Le Pen!". Es steht viel auf dem Spiel. Zum ersten Mal in einem Land der Europäischen Gemeinschaft hat ein potentieller Diktator die Gelegenheit, per Wahl an die Macht zu kommen. Anders als im Februar 2000 in Österreich ist jedoch die wirkliche Schlacht erst zu schlagen, im zweiten Wahlgang.

Dies birgt auch eine Chance. Ein klares Votum der Franzosen kann den Österreichern eine Möglichkeit zeigen, ihren eigenen Weg bei den Wahlen von 2003 zu korrigieren. Ebenso wie es jetzt heißt: "Chirac wählen", kann man 2003 in Österreich sagen: "Wählt um Gottes Willen so, dass wir wieder eine Regierung ohne die extreme Rechte haben."
(ALBUM, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04./05.05. 2002)

  • Robert Fleck, ehemaliger Bundeskunstkurator, ist Direktor der Kunsthochschule von Nantes in Frankreich und Vorsitzender des Instituts für österreichische Kultur (ICA).
    foto: der standard/matthias cremer

    Robert Fleck, ehemaliger Bundeskunstkurator, ist Direktor der Kunsthochschule von Nantes in Frankreich und Vorsitzender des Instituts für österreichische Kultur (ICA).

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