Rocko Schamoni: "Der schwere Duft von Anarchie"

7. November 2005, 15:24
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... und der Schubiduh-Chor haucht: "Du bist so gefährlich wie noch nie!"

... und nirgendwo zeigt sich die Schamonische Widersprüchlichkeit so deutlich wie im Titelstück der neuen CD: Der schwere Duft von Anarchie liegt in deinem dunklen Haar raunt Rocko, worauf der Schubiduh-Chor mit Du bist so gefährlich wie noch nie! antwortet. Ist er das? Und soll das nun Statement oder Verarsche sein? Oder wie?

Fest steht, dass die politischen Aspekte auf der neuen CD fast zur Gänze verschwunden sind: Außer auf der Single "Geld ist eine Droge" und der Titelzeile (aber auch nur da) von "Der schwere Duft von Anarchie" ist weit und breit nichts von Schamonis altbekanntem - Zitat SPEX - "Salonbolschewismus" zu hören. Da war das Vorgängeralbum "Showtime" (Wehre dich gegen den Staat!) schon noch deutlicher; ganz zu Schweigen vom früheren "Goldene Zitronen"-geprägten Brachialton.

Der Alltag ist ein graues Puder
er nimmt uns unsern guten Stil ...

Jetzt könnte man einwenden: die Haltung ist die gleiche wie früher, nur wird sie jetzt eleganter eingenommen. Doch vielleicht folgt auch nur die Funktion langsam der Form, und Schamoni beginnt im mondänen Wohlklang zu versumpfen. Schamoni kritisiert, womit er gleichzeitig liebäugelt, und kokettiert mit dem ironisch(?) Bloßgestellten so intensiv, dass die Grenzen zwischen Flirt und Ablehnung verschwimmen. Geld ist eine Droge, und ihr seid alle drauf..., schön und gut - aber wie ernst kann man es nehmen, wenn er fortsetzt mit ... ich bin es manchmal auch? Er also nur manchmal, hmmmm ...

Wir hatten damals ja ziemliche Diskussionen untereinander und auch mit den UserInnen, ob der Jeunesse dorée-Pop von Paula - Wir sind von guten Eltern, wir wissen was sich ziemt - uns wird die Sonne scheinen, das haben wir verdient - nun dummdreist oder selbstkritisch gemeint sei (siehe hier). Aber mal ganz unabhängig davon, was Paula nun wirklich beabsichtigt haben - liegt in Zeilen wie Alles was wir brauchen, ist eine kleine Welt mit guter Luft, mit einem Meer und einem Haus nicht doch mehr entlarvendes Potenzial als in Rockos ironischer Distanziertheit?

... die Nacht gehört uns bis zum Morgen
wir spielen jedes Spiel ...

... andererseits: Rocko Schamoni gehört ja auch zu dieser kleinen Gruppe begnadeter Menschen, denen man einfach alles verzeiht. - Da kann er noch so (vermeintlich) großkotzig und selbstverliebt daherkommen; und mit ihm auch seine Songs. Baby, Baby, Baby - mein Körper ist zum Lieben da. Du kannst ihn haben - gib ihn mir wieder, wenn du fertig bist ... und so. Im Ernst: Diese CD räkelt sich geradezu im Player.

Übrigens wurde diesmal nicht mehr ganz so unverschämt geklaut wie auf dem Vorläufer-Album "Showtime". Und dass die gesamte CD in tiefen Lungenzügen Manfred Krug atmet, ist heutzutage ja nichts Besonderes mehr: Blue Eyed Soul deutscher Zunge ist inzwischen längst zu einem Klein-Genre geworden (siehe etwa Bazooka Cain).

... lass diese Reise niemals enden
das Tun kommt aus dem Sein allein ...

Im durchgängig mit Bläser- und Streicherarrangements gemästeten Bigband-Sound Schamonis und seiner aktuellen Begleit-Combo "Jogging Mystique" blitzt dennoch immer wieder mal was Anderes auf. Niedlich das Softporno-Gestöhne von "Süß wie Honig", und wie auf der letzten CD verwandelt sich Rocko auch diesmal wieder eine Nummer lang in den musikalischen Superhelden "Diskoteer": Häh, was ist das? Du fängst ja irgendwie an zu strahlen. Oooooh! Was passiert denn da? Soundmäßig landet er damit ziemlich exakt dort, wo sich die Merricks seit drei Alben abrackern: der Wiedereroberung der Munich Disco der späten 70er und frühen 80er Jahre.

... was einen direkten Bogen schlägt zum Song "Heart of Plastic", der Liebeserklärung eines Computers an seine Userin. Wir erinnern uns ("wir" heißt in dem Falle: diejenigen, die nix Besseres zu tun haben als Querverbindungen herzustellen): sowas gabs schon mal, "Electric Dreams" hieß der Song, und geschrieben hatte ihn Giorgio Moroder - einer der Hauptvertreter des Munich Sounds. Kreis geschlossen, jawoll! Übrigens: Ist das jetzt die "Knight Rider"-Melodie, die da klimpert oder ...?

Sehr fein auch der Großstadt-Blues von "Berlin Woman": Hier wird Schamoni mehr zur Knef als zum Krug.

... allein aus Impressionen, Illusionen, Sensationen ...

Doch kommen wir zur (nicht nur für Ösis) Hauptattraktion der CD und dem Hohelied der Selbstgefälligkeit schlechthin. Schamonis Version von "Junge Römer" beweist zweierlei: erstens dass es vielleicht Falcos bestes Lied überhaupt gewesen ist (also zumindest kommt es unter die ersten drei - weiter lasse ich mich nicht runter handeln) und zweitens dass es sowohl für die Showtreppe als auch für den Club ganz vortrefflich geeignet scheint. Zumindest in diesem Arrangement.

Bilanz: schon nach zweimal Durchhören hat jede Nummer auf "Der schwere Duft von Anarchie" Wiedererkennungswert entwickelt - und das trotz der Homogenität des Albums. Muss dem Schamoni auch erst mal einer nachmachen. - Und jeden Interpretationsversuch hat er sowieso in einer Sekunde weggegrinst. (Josefson)

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