Angst essen Farbe auf

7. Mai 2002, 11:26
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Anlässlich der Präsentation seines Buches "Chromophobie" kam der britische Künstler und Schriftsteller David Batchelor nach Wien und erzählte von seiner Suche nach Farbe

der Standard: Ganz grundsätzlich gefragt: Was ist Farbe?

David Batchelor: Im Prinzip existiert Farbe gar nicht. Die Erklärung, dass sie eigentlich im Gehirn entsteht, ist mir zu wissenschaftlich. Auch der künstlerische Zugang erklärt nur Bereiche. Mir geht es auch um den philosophischen Aspekt, im Sinne von Wittgensteins "Es ist rot, weil ich deutsch spreche."

Und was halten Sie von der Frage nach Ihrer Lieblingsfarbe?

Meine Antwort darauf lautet Pantone 563. Ich habe jedoch keinen blassen Schimmer, wie Pantone 563 aussieht. Aber wer weiß das schon? Wir wollen immer auf einen Punkt kommen, und das behindert die Kommunikation. Unsere westlich-philosophische Tradition ist ja dermaßen rational. Das macht es auch so schwer, Farbe in Sprache zu übersetzen, denn letztendlich ist Farbe eine Erfahrung der Sinne. Darum vergleichen wir Farbtöne ja auch mit Empfindungen wie warm oder kalt.

Wie können wir sonst über Farbe sprechen, zum Beispiel über das knallige Pink Ihres Buchcovers?

Laut einer anthropologischen Hypothese aus dem Jahr 1969 kennen alle natürlichen Sprachen nur zwei bis elf Farbbezeichnungen. Weiters wird behauptet, dass innerhalb dieser Bezeichnungen eine logische Hierarchie besteht. Das hieße, wenn eine Sprache nur zwei Farbbezeichnungen kennt, dann wären diese Schwarz und Weiß. Die Sache ist nun aber die, dass der Mensch, vorausgesetzt, er ist nicht farbenblind, an die 20 Millionen Farbtöne wahrnehmen kann. Übrigens: 97 Prozent aller Farbenblinden sind Männer.

Wie würden Sie die Farbe der Wände im Hause Batchelor in London bezeichnen?

Die sind definitiv weiß. Ich streite noch immer mit meiner Frau herum. Sie will die Farbenexperimente derweilen noch von unseren Wänden fern halten.

Warum sind so viele Wände weiß? Sind die Menschen zu faul oder zu feig, Farbe in ihre Umgebung zu bringen?

Ja, vielleicht ist es eine Art Faulheit. Die Leute tun ja oft so, als würden Farben gar nicht existieren. Ich denke, man sollte die Sinneserfahrung Farbe bewusster zulassen. Kinder zum Beispiel lassen sich viel mehr von Farben anziehen.

Und Ihr Buch kann uns dabei helfen?

Ich hoffe es. Man sollte einfach experimentieren. Ich will keine Tipps für die Verwendung von Farben im Wohnraum oder sonst wo geben. Ich wünsche mir eine Kollision von Farben, wie sie in der Natur stattfindet. Es geht, denke ich, darum, Farben zu feiern und Ängste zu überwinden.

derStandard/rondo/3/5/02

von Michael Hausenblas
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