Ameise mit Wanderstock

7. Mai 2002, 11:08
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Die in Paris lebende Modedesignerin Sissi Holleis erhebt Basics mit Strick- und Druckmotiven in den Rang feiner Einzelstücke. Ursula Graf hat sie in ihrer Boutique besucht

Neugierde und die Liebe zur Sprache brachten die junge Salzburgerin Sylvia Holleis (Sissi Holleis ist ihr Künstlername) Anfang der 90er-Jahre nach Paris. Eine Erbschaft ermöglichte es ihr, 1991 die renommierte Designerschmiede Studio Bercot zu besuchen. Nach dem Diplom zog es Holleis zum Foto-Styling. Erfahrungen als Stylistin für Vogue France, The Face und Citizen K, aber auch Praktika in etablierten Häusern wie Karl Lagerfeld, Guy Laroche und Jean Colonna beschleunigten den Wunsch nach Selbstständigkeit.

Eine gute Idee, damals wie heute frisch, brachte sie schließlich zur Entwicklung einer eigenen Kollektion unter dem Label Sissi Holleis. Diese erstmals 1996 präsentierte kleine Produktion von handgedruckten Serigrafien auf T-Shirts und Shirt-Kleidern bilden bis heute das äußerst erfolgreiche Fundament ihrer Kollektionen. Hinzugekommen sind alte Strickmotive, die Holleis wer weiß wo ausgräbt und wieder stricken lässt und die, wie schon die Drucke, wirkungsvoll die relativ einfach geschnittenen Kollektionsteile um ein freundliches Sammelsurium diverser Motive beleben.

Ameisen mit Wanderstock, Giraffen und afrikanische Ornamente können sehr gut miteinander. Mixen, indeterminiert und offen, und recyclen, gepaart mit einem gewissen Pragmatismus, der Basics hochleben lässt und sie gleichzeitig in den Rang von Einzelstücken hebt, prägen die Arbeitsweise der Designerin.

Hinzu kommt das Schöpfen aus einem riesigen Fundus unterschiedlichster Kulturen im Jetzt und in der Vergangenheit. So finden sich Art-déco-Elemente nicht nur im Label, sondern auch in Einzelteilen der neuen Kollektion neben trachtig Gebauschtem und Afro-Prints. "Go far-west, go far-east, go with the wind" lautet der Titel der aktuellen Sommerkollektion von Holleis.

Festlegen/setzen will sich Sissi Holleis nicht, auch wenn die zweifache Mutter eine gewisse Ortsverbundenheit bewies, als sie im vergangenen Herbst ihr Boutique-Atelier in Paris (3, Rue de Nemours), nur wenige Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt, eröffnete. Inmitten von Bars und Boulangerien gelegen, ist das aufstrebende Viertel um die Rue Oberkampf zwischen Boulevard du Temple und Avenue de la République ein äußerst sympathischer Standort mit wachsendem Zustrom neuer Shops, wie etwa jener des japanischen Designers Seeichiro Shimamura "N° 44 II".

Selbstverständlich und ganz unprätentiös tritt Sissi Holleis mit ihrem kleinen Store auf. Doch genau betrachtet hat er es in sich, und das spürt man schon beim Betreten. Für die Gestaltung ihres Stores hat Sissi Holleis den jungen, elsässischen Architekten und Designer Laurent Karst herangezogen. Mit wenigen, effektvollen Eingriffen ist es Karst gelungen, eine Atmosphäre zu erzeugen, die Intimität und der Designerin Raum schafft. Karst verdoppelt den lang gestreckten Verkaufsraum optisch durch vom Boden bis zur Decke reichende Spiegel an den Seitenwänden. Verbleibende Wände und die Decke sind mit hochglänzendem, schwarzem Vinyl bespannt, wodurch sich ein Spiel der Reflexe ergibt.

Ein Kristallluster aus der Zeit Maria-Theresias gießt warmes Licht in den dunklen Raum, er spiegelt sich in der Decke und den Seitenwänden der Boutique wider. Das hautverwandte Material Vinyl vermittelt unmerklich Geborgenheit. Das Herzstück des Geschäftsraums ist aber zweifelsohne der Boden. Ausgesonderte Industriestanzplatten aus Aluminium, mit anthrazitfarbigem Asphalt ausgefüllt, ergeben einen matt-glänzenden Teppich abstrakter Negativformen und zeugen, gemeinsam mit den sublim dematerialisierenden Spiegelflächen von einer verfeinerten Industrie-Romantik.

"Maximalisme dans le minimalisme" heißt es unter anderem in der Presseaussendung zur Neueröffnung des Stores, und dies trifft, wie die Idee des Recyclings, auch auf Sissi Holleis Arbeitsweise zu. Eine maßgeschneiderte Boutique also. Dahinter befindet sich das geschäftige Atelier, das während der Modetage auch als Show-Room genützt wird. Neben ihrer Kollektion bietet Sissi Holleis Accessoires von Designerkollegen an. Unter anderem Schuhe von Vincent Rubin und Taschen von Jérôme Gruet. Einzelteile der Sommerkollektion 2002 sind bei Gloom in der Neubaugasse in Wien 7 erhältlich.

derStandard/rondo/3/5/02

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    nathalie marchetti
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