Im Cineplex-Theater-Center

9. Juni 2002, 20:34
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Ostermaiers Airport-Stück "Letzter Aufruf" auf der Probebühne des Burgtheaters im Arsenal

Die Burg hat eine Expositur im Arsenal eröffnet - dort, wo ansonsten nur geprobt wird. Albert Ostermaiers Airport-Stück "Letzter Aufruf" wurde von Regisseurin Andrea Breth als Kinolehrstück uraufgeführt: eine müde Hommage an chromblitzende Thriller.


Wien - Das Theater unterhält zum Tonfilm das von Neid erfüllte Verhältnis der erstgeborenen Schwester: einer Jungfer mit Runzeln im Gesicht, die ihr Leben im elterlichen Salon freudlos hinbringt, während die Jüngere, die vor auch schon wieder achtzig Jahren das Sprechen gelernt hat, von Kostümball zu Kostümball eilt. Wird es der Mauerblume zu bunt, plündert sie den Schminkkorb der jungen: Klatscht sich verspiegelte Gläser ins Gesicht; schneidet ihr szenisches Gewand in lose Streifen; übt vor dem Spiegel die Miene des eiskalten Engels ein.

Sie donnert sich technisch auf und feiert ihren beschämenden Mummenschanz als die entkrampfende, finale Erlösung - nur auf der Bühne, die dieses Mal eine Probebühne ist und auf dem Areal des Wiener Arsenals zur Probe liegt, steht sie ganz nackt und in Hemdsärmeln da.

Albert Ostermaiers Letzter Aufruf ist eine wortreich gestammelte Liebeserklärung an die Filmindustrie; an mysteriöse Auftragskiller in Anthrazit-Anzügen, die sich auf einem Airport herumtreiben, weil die Flughäfen nun einmal Provisorien sind, Wartezimmer mit keiner Aussicht, kurzen Aufenthaltsgenehmigungen, verspiegelten Wänden und pneumatischen Türen.

Was Ostermaier (35) dazu einfällt, ist vielerlei, doch nichts Ganzes. Er, der die schönsten Gebrauchsverse der deutschen Industriegesellschaft zu schreiben imstande ist, die gehobene Beat-Lyrik für den deutschen Techno-Stammtisch, chromblitzende Oden an die Chillout-Zonen dieser Welt, setzt für die Uraufführung von Letzter Aufruf das ganze Theater, dem er doch zuarbeitet wie kein anderer Autor seiner Generation, aufs Spiel.

Er hobelt seine Szenen klein. Zugleich füllt er sie mit lyrischen Aromastoffen. Ostermaier bedichtet alles: die Gepäckstücke auf Förderbändern, die Strumpfhosen von Flugbegleiterinnen, die Einsamkeit in den Toilettenräumen. Ostermaier ist der Barde der Leistungsgesellschaft und ihrer gebrauchsfertigen Monumente. Zugleich möchte er aber auch einen Thriller schreiben, mit Willem Dafoe in der Hauptrolle, mit pockennarbigen Auftragskillern und lasziv unnahbaren Frauen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre wohlgeformten Hostessen-Beine in die Luft strecken. Dieses Stück ist ein klarer Fall von Cinema-Workout; ein mürber Appetitanreger für das nächste Multiplex-Center in Ihrer Umgebung.

Bühnenbildner Martin Zehetgruber hat im Arsenal nichts unversucht gelassen, Ostermaiers Filmskript auf Cinemascope-Format zu trimmen. Die Zuschauer sitzen inmitten einer rundumlaufenden Blechschachtel und können sich wie Syndikatsbosse in ihren Fauteuils nach allen Seiten drehen. Schiebetüren eröffnen den Blick auf eingefrorene Gesten und kalte Bilder. Das Theater simuliert ein bisschen die Businesslounge - den Amüsierbetrieb der Kulturindustrie, die um Ihre zerstreute Aufmerksamkeit bittet.

Die Story lohnt keine nacherzählende Mühe. Als wäre ein Skriptschreiber mit den losen Zetteln seines Drehbuchs vor die Antriebsdüse eines startenden Flugzeugs gelaufen. Leo (Peter Simonischek), ein Wotan der Airport-Malls, lernt beim Haare-Anklatschen am Klo einen drogenkranken Russen-Mafioso (Wolfgang Michael) kennen: Michael mümmelt an den Ostermaier-Sätzen herum wie an Lakritze.

Leos Gefährtin Tita (Andrea Clausen) will ihren Gefährten um die Ecke bringen; ein Flugkapitän möchte mit seiner Geliebten Schluss machen; ein F.A.Z.-lesender Businessmakler (Gerd Böckmann), der sich als "Dichter" ausgibt, tötet auf Bestellung - aber erstens die Falsche, und zweitens stöpselt er zu jeder Gelegenheit seinen Laptop ein, als müsste er den Kursverfall des Yen zwischen zwei Mordtaten dringend analysieren.

Ein zäher Schleier liegt über den Untoten, die in ihre Mikroports verträumt hineinmurmeln, als sprächen sie börsennotierte Kurse zur Nacht. Bisher war Regisseurin Andrea Breth als Belebungskünstlerin der gefürchtetsten Klassiker-Scharteken aufgefallen. Sie ist ihrem Klischee davongelaufen - mitten hinein in einen Kinosaal, den Riesenbecher mit Puffreis bis obenhin gefüllt. Was für eine Verirrung; was für eine falsche Destination.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 4. 2002)

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