"Mein Stern": Liebe, Arbeit und Unbehaglichkeit

27. Juli 2004, 17:01
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Valeska Grisebachs Teenagerdrama ist eines der sehenswertesten deutschsprachigen Spielfilmdebüts der letzten Jahre

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Zwei Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Eine Liebesgeschichte, von der man noch nicht weiß, wohin sie führt: Valeska Grisebachs Teenagerdrama "Mein Stern" - eines der sehenswertesten deutschsprachigen Spielfilmdebüts der letzten Jahre.

Von Dominik Kamalzadeh


Wien - Wozu viele Worte wechseln? "Willst du mit mir gehen?", fragt Schöps Nicole, nachdem er sie in einem Spiel bereits küssen durfte. Die Unsicherheit tarnt sich mit großen Worten, aber die Art und Weise, wie gesprochen wird, erzählt ohnehin anderes: Das ist nicht die Stimme eines routinierten Verführers, sondern eine scheue, fast defensive Annäherung. Vor der Wohnung des Mädchens trennen sie sich später mit einer Umarmung. Das könnte auch schon das Ende sein.

Aber Mein Stern, das Debüt von Valeska Grisebach, erzählt eine Liebesgeschichte. Zwei Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsenwerden treffen sich regelmäßig nachts, tollen am Boden herum, verlieben sich, kommen irgendwann ins Reden, betrügen sich, trennen sich, finden sich wieder. Eine Abfolge, die bekannt ist, aber hier ganz spezifisch wiedergegeben wird. "Jeder ist anders", sagt Schöps auf die Frage von Nicole, was sie von ihren Vorgängerinnen unterscheide.

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Das gilt im Fall von Mein Stern vor allem für die Form. Der Film ist die Diplomarbeit der gebürtigen Deutschen Grisebach an der Wiener Filmakademie. Zuvor hat sie dokumentarische Kurzfilme gedreht, etwa Berlino, einen Film über italienische Bauarbeiter in Berlin. Auch Mein Stern geht eine im Grunde dokumentarische Recherche voraus: Die Regisseurin hat mit vielen Jugendlichen Gespräche geführt, ehe sie zwei von diesen Laien zu ihren Darstellern machte: Nicole Gräser und Christopher Schöps.

Geduldige Kamera

Aus vorhandenem Material wird somit eine fiktive Geschichte geformt: Die Darstellung der Figuren bleibt durch diese Vorgangsweise unverfälscht, offener für Gesten und Ausdrücke, die eine ganze Palette (nicht nur) jugendlicher Verhaltensmuster aufscheinen lassen. Die Einstellungen sind meist statisch, die Kamera bleibt ein geduldiger Beobachter: Sie studiert Gefühle, indem sie die Körper in den Mittelpunkt rückt und Haltungen aufzeichnet, von denen sich die Stadien einer Beziehung geradezu unvermittelt ablesen lassen.

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Insofern muss gar nicht viel gesprochen werden, es genügt, eine Situation aus Blicken, Bewegungen oder Küssen aufzubauen. Wenn doch gesprochen wird, lässt Grisebach Nicole und Schöps, sehr berlinerisch, viel zu bedeutsame Sätze, fast Floskeln sagen: Die Anzahl der Wörter, die passen, ist begrenzt, ein Räuspern oft signifikanter.

Verankert wird die Liebesgeschichte in einem ganz konkreten Milieu, im unfotogenen Teil von Berlin-Mitte, dem der Wohnhäuser, wo Jugendliche durch Straßen und Parks streifen. Erwachsene bekommt man kaum zu Gesicht: Nicole sorgt für ihre Schwestern, während ihre Mutter in der Nachtschicht ist.

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Das Berufsleben beginnt auch für die nächste Generation bereits, am Rande des Films: Schöps spricht aus einer Laune heraus für eine Lehre als Installateur vor, Nicole lernt bei einer Bäckerei, "weil es jut riecht". Ohne kulturpessimistisches Lamento deutet Mein Stern auf die Orientierungslosigkeit dieser Jugend hin, die vergessen wird, bis sie für den Dienstleistungssektor nutzbar gemacht wird.

Mein Stern beschreibt eine Passage, von der man nicht weiß, wohin sie führt. Im Verhältnis der beiden Heranwachsenden gibt es Momente, wo sie sich nichts mehr zu sagen haben, sich plötzlich andere Möglichkeiten ergeben, eine Entscheidung jedoch ausbleibt. Es kommt zu keinen dramatischen Wendungen, eher schleicht sich eine Unbehaglichkeit ein, die die Figuren zu störrischen Aktionen treibt. Die Bewegung des Films verharrt in dieser Ambivalenz: Im letzten Bild stehen sich die beiden lange gegenüber und schauen sich einfach nur an.

Foto: Polyfilm
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 4. 2002)
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