Sachsen/Frankreich: Genosse Trend ist illoyal

Das große Dreieck Blair-Schröder-Jospin ist zerbrochen - Ein Kommentar von Gerfried Sperl

In Frankreich, einem Paradeland des westlichen Sozialismus, hat die Linke mit Lionel Jospin einen psychotisch wirkenden Rückschlag erlitten. Umso mehr, als die einst nachhaltig moskautreuen Kommunisten endgültig in der historisch verständlichen Versenkung verschwinden.

In Sachsen-Anhalt ist die Formel Rot-Rot so sehr fehlgeschlagen, dass Kanzlerkandidat Gerhard Schröder nicht mehr mit SPD-Rückenwind rechnen kann. Und erst vor wenigen Wochen ist in Portugal einer der Stars der europäischen Sozialdemokratie geschlagen worden. Ganz anders Ungarn. Ein gegenteiliger Trend. Kein rauschender Sieg, aber mit einer Koalition (und einem unabhängigen Banker als künftigem Ministerpräsidenten) schaffte die Linke den Umschwung beim Nachbarn Österreichs.

Also vorläufig kein flächendeckender antilinker Trend in Europa, wenngleich das große Dreieck Blair-Schröder-Jospin am Sonntag zerbrochen ist. Gar nicht zu reden von der seinerzeitigen Größe, als sich die sozialdemokratische Regierungsmacht von Schweden über Dänemark, Deutschland, Frankreich und Österreich bis nach Italien zog. Stand da nicht auch noch Portugal unter einem roten Stern?

Wenn es eine Tendenz gibt, dann die: Genosse Trend ist schrecklich illoyal. Er läuft gegen die Mächtigen, vor allem die Übermächtigen und ideologisch Übernächtigen. Er fördert die Oppositionellen, vor allem die Rechtspopulisten. Die Sozialdemokraten gewinnen, wenn sie auf der richtigen Seite stehen - wie in Ungarn. Sie verlieren, wenn sie mit einer anderen Großpartei ins Bett kriechen - wie in Paris. Wenn sie dann aufschrecken, ist es meistens zu spät. Auch für die Meinungsforscher, die mit im Schlafzimmer waren.

Dass sich die französischen Sozialdemokraten bei den Parlamentswahlen im Juni wieder erholen, ist nicht auszuschließen. Denn mehr als sonst wo ist die Kür des Staatspräsidenten auch ein ritueller Akt. Daran schließt sich wieder der politische Wahlalltag an. Er wird die große Frage beantworten, ob die Linke tatsächlich in einer tiefen Krise steckt oder ob ein Teil ihrer Wähler Lionel Jospin auf keinen Fall an der Spitze der Grande Nation haben wollte und daher in der ersten Runde den rechtsextremen Plebejer Le Pen bevorzugt hat.

Erst zum Jahresende, wenn die Wahlen in den Niederlanden und in Deutschland vorüber sind, wird man klarer sehen. Kurze Gastspiele auf der europäischen Wählerbühne geben auch die Tschechen (derzeit sozialdemokratisch) und die Slowaken (mit einem neuerlichen Meciar-Anlauf). Dann steht auch die Bestätigung oder Abwahl von Schwarz-Blau in Österreich bevor. In allen drei Auseinandersetzungen spielt eine Rolle, was sich ideologischen Zuordnungen oft entzieht: die Attraktivität der Spitzenkandidaten. Jospin ist ein Langweiler; Gerhard Schröder, den jetzt alle gefährdet sehen, ist es nicht. Und Viktor Orbán auf der anderen Seite, ein Populist der Sondersorte, hat seine Niederlage nicht abwenden können. Er ist fürwahr kein Linker. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 23.4.2002)

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