Im Gefühlskatarakt

11. Juni 2002, 21:32
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"Penthesilea" in den Kammerspielen Linz

Der Herr Geheimrat war ein wenig irritiert. Das, was Herr von Kleist ihm da zu lesen geschickt hatte, entsprach nicht gerade der humanisierten Griechen-Welt seiner eigenen Iphigenie. Nein, diese "Penthesilea" musste Goethe wie ein Rückfall in die Barbarei erscheinen. Die Amazonenkönigin, gefesselt durch das Verbot persönlicher Liebe, und Achill, der brüchige Männerheld, liefern sich ein Waffen- und Psychoduell, das einiges an späteren expressionistischen Inter-pretationen vorwegnahm.

Auf ebendieses Duell konzentriert sich die Linzer Inszenierung von Bernarda Horres. Sie lässt in der gekürzten Fassung Penthesilea und Achill gleichermaßen aufeinander los wie ineinander eindringen: Mal brutal wie ein Presslufthammer, dann wieder zärtlich wie Katzen. Das Geschehen oszilliert in einem Gefühlskatarakt in der zeitlich-räumlichen Engstelle der Kriegshandlungen.

Die emotionale Gischt bewegt sich allerdings innerhalb klarer Formen: Auf der geometrisch stringenten Bühne (Johannes Leiacker) und durch die einfach-eindringliche Lichtregie (Helmut Janacs) wird auch die größte Gefühlsexplosion durch die musikalischen Regeln der Syntax in geordnete Bahnen geleitet. Dass der Trug des vermeintliches Sieges Penthesileas über Achill einen symbolischen Ritt gegen die untergehende Sonne (John Wayne!) nach sich zieht, unterstreicht ironisch den Blick der Form auf den Inhalt.

Großartig spielt Bettina Buchholz eine Penthesilea, deren zerbrechliche Sehnsucht nach Liebe die brutale Furie immer wieder in sich aufnimmt und abstößt. Ebenfalls ausgezeichnet: Janko Kahle (Achilles), Elisabeth Wildmann (Meroe) und Katharina Hofmann (Prothoe).
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.04. 2002)

Von
Reinhard Kannonier


Kammerspiele Linz,
Promenade 39,
Karten:
0800/21 80 00.
19.30
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