"Panic Room": Variation über die innere Unsicherheit

27. Juli 2004, 17:01
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David Finchers Thriller ist eine der intelligentesten Hollywood-Produktionen der letzten Zeit

Ein "Panic Room" als Sinnbild einer Gesellschaft, die an ihrem eigenen Sicherheitsdenken verzweifelt: Der neue Thriller von David Fincher (Seven, Fight Club) ist eine der intelligentesten Produktionen, die Hollywood in der letzten Zeit hervorgebracht hat.

Von Claus Philipp

Foto: Columbia Tristar

Wien - Zwei Frauen in einer Hochsicherheitskammer aus Stahl und Beton, über deren Mechanismen sie nur unzureichend informiert sind. Dagegen: Drei Eindringlinge, von denen einer weiß, dass man diesen Panic Room eigentlich nicht knacken kann - aber er ist Sicherheitsexperte, und als solcher kennt er, anders als die vermeintlich Geschützten, zumindest die Spielregeln.

David Finchers neuer Film ist überreich an solchen verqueren Spiegelungen und Kippeffekten, bis hinein in die Produktionsgeschichte. Der US-Regisseur, der mit Seven, The Game und Fight Club eine schwarze Serie der verrückten Wahrnehmungen und Verunsicherungen eröffnete, glaubte mit Panic Room entlang eines Drehbuchs von David Koepp seinen bis dato unaufwändigsten Film drehen zu können. Das Gegenteil trat ein:

Das Kammerspiel bedurfte gerade in der detailreichen Auflösung komplexer Innenräume, die vorher in vielen Computersimulationen getestet wurde, einer Drehzeit von sage und schreibe neun Monaten. Und Koepps vermeintlich schlichte Vorlage, die auf den ersten Blick nur ein x-beliebiges B-Picture nahe legt - gerade sie erfordert eine besonders akribische Lesart: Wir erinnern hier nur daran, dass dieser Autor bereits Brian De Palma bei Carlito's Way und Snake Eyes zu extrem artifiziellen Planspielen mit Kamera, Schnitt und Schauspielerarbeit inspiriert hat.

Foto: Columbia Tristar

Panic Room ist denn auch ein Film, in dem die Kamera (bedient von zwei Großmeistern: Conrad W. Hall und Darius Khondji) praktisch an alle Orte eines Hauses (mikro- und makroskopisch) rasen kann. Gleichzeitig dominiert doch eine schier undurchdringliche Schwärze die Textur der Bilder. Das Haus selbst ist gerade in seiner Größe und Weitläufigkeit unwohnlich, wie verwunschen - wie aus einer klaustrophobischen Studie von Edgar Allan Poe.

Eine Mutter (Jodie Foster) liebt hier ihr Kind (Kristen Stewart) so sehr, dass es ihr selbst Angst macht. Ihr geschiedener Mann (Patrick Bauchau), der mitten in die Belagerung hinein keineswegs wie ein Retter in der Not, sondern wie ein Störenfried auftritt, verkommt sehr schnell zu einer Schmerzensgestalt im Halbdunkel, zur Karikatur eines angeschlagenen Patriarchen. Die drei Einbrecher (Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto) sind in aller lärmenden Zerstörungswut alles andere als selbstgewiss.

Gestörte Balance

Gesten äußerster Aggression scheinen in diesem Film höchster Unsicherheit zu entspringen. Gleichzeitig ist es, als wünsche das ultimative Sicherheitsdenken, wie es der Panic Room versinnbildlicht, selbst die Gewalt herbei, die gegen seine meterdicken Wände anbrandet. Größte Zusammengehörigkeit artet aus in beständiges Misstrauen. Manchmal rettet einen nur der Feind. Es ist beeindruckend, wie Fincher und Koepp diese Gleichgewichtsstörungen bis in kleinste technische Unwägbarkeiten verfolgen.

Foto: Columbia Tristar

Jodie Foster zum Beispiel, die mit ihren Belagerern eine Zeit lang per Mikrofon kommuniziert, ist für diese nur Stimme - und dadurch in einer klassischen Machtposition. Gegen ihre elektrische Verstärkung stehen hingegen die Räuber wie tobende Bittsteller vor der Überwachungskamera und halten - ohne Stimme - ihre Gesuche auf Schrifttafeln ins Bild. Das, was wir wollen, ist da drinnen: mehrere Millionen Dollar. Im Sicherheitsraum. Wo sonst? Es ist, als säße man auf einer Bombe, mit der man selbst hochgehen muss.

Es wäre Spielverderberei, würde man von der Vielzahl an Überraschungen und Wendungen, mit denen dieser Thriller in knapp 90 Minuten aufwartet, zu viel verraten. Nur so viel noch: Man wirft ihm in manchen Kritiken vor, er sei zu konstruiert, ja mechanistisch. Diese Einschätzung verdankt sich einem alten Irrglauben von Kritikern, die auch Brian De Palma und dessen "herzlose" Plansequenzen bemäkeln: Konstruktion und Künstlichkeit werden vonseiten Hollywoods ja meistens nur dann akzeptiert, wenn sie möglichst "natürlich" herüberkommen.

Foto: Columbia Tristar

Tatsächlich wirkt Panic Room dagegen "kalt" und kalkuliert wie normalerweise nur Dialoge bei David Mamet. Man könnte den Film sogar in gewisser Weise in die Nähe von Michael Haneke und dessen Belagerungsfolter Funny Games rücken. Was Fincher aber zur Gänze abgeht, ist ein Interesse, zwischen Opfern und Tätern zu unterscheiden.

Ähnlich wie Seven, The Game oder Fight Club, in denen die Protagonisten nicht wissen, was gespielt wird (geschweige denn, ob nicht das Spiel sie spielt), ist auch Panic Room eine Etüde über den Zweifel: Quälend lang zeichnet er sich etwa auf dem Gesicht eines Polizisten ab, der ahnt, dass in Jodie Fosters Haus etwas nicht in Ordnung ist. Um ihr zu helfen, müsste er selbst zum Eindringling werden. Eine Pattstellung. Dass sie sich in Manhattan ereignet, ist vielleicht ein Zufall, aber interessant.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 4. 2002)


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