Fixsterne gegen Stress

25. Jänner 2007, 12:45
posten

Navigieren bedeutet nichts anderes als "sich zurechtfinden". Doch in der technologisierten Welt verliert man den richtigen Pfad allzu leicht, wie Benutzerforscher Manfred Tscheligi erörtert. Von Ute Woltron

Der Begriff Navigation verändert sich mit der Welt, in der er angewandt wird; und bedeutete navigare für die römische Welt noch den Aufbruch per Schiff zu fernen Ufern, so versteht man darunter heute beispielsweise das Erkunden der unergründlichen Weiten diverser technischer Gerätschaften, das Durchschiffen des weltumspannenden Internets oder die Art und Weise, wie man sich im Verkehrsgewimmel großer Städte, U-Bahn-Gewirre und Bahnstationsfilze zurechtfindet.

Geht es nach dem Benutzerforscher Manfred Tscheligi, so findet sich der Reisende da wie dort einigermaßen allein gelassen. Die Sextanten der schönen neuen Welt sind unvergleichlich unverlässlicher als die alten Wegweiser, die Fixsterne sind Mangelware geworden.

Beginnen wir mit den Mysterien moderner Gerätschaften wie - Gott sei bei uns - dem Videorekorder, dem DVD-Player oder der Hightech-Waschmaschine. Abgründe tun sich hier auf, Scarybdae und Scillae liegen auf dem Weg zur Inbetriebnahme derlei Spielzeugs auf der Lauer. Die zeitgemäße Landkarte namens Gebrauchsanweisung, so meint Tscheligi, wäre meistens eher dazu angetan, in die Irre zu führen, denn zum Ziel. Warum das so sei, erklärt der Benutzerforscher, der dem international agierenden privaten Forschungsinstitut Cure mit Sitz in Wien vorsteht (www.cure.at), folgendermaßen: "Das Problem beginnt bereits damit, dass meistens ganze Pakete von Gebrauchsanweisungen in den verschiedensten Sprachen und Schriften vorliegen." Das richtige Leitwerk müsse erst gefunden werden, und dann seien die Übersetzungen - vor allem bei billigeren Gerätschaften - oft an der Grenze des Unbrauchbar-Lächerlichen. Doch auch bei Qualitätsgeräten stellt Tscheligi meistens grobe Navigationsmängel fest, denn oft passen die beigelegten Betriebsanweisungen gar nicht genau zu dem gerade erstandenen Gerätetyp. "Diese Anleitungen", meint Tscheligi, "entstehen bedauerlicherweise sehr oft nur so nebenbei und werden fast immer von Technikern geschrieben. Es gibt kaum Anleitungen, die den Benutzer an der Hand nehmen, um ihm Schritt für Schritt das Gerät zu erklären." Er selbst sei, als Techniker, ebenfalls schon oft hilflos in die Irre geführt worden, die Inbetriebnahme der Trocknerfunktion von Tscheligis Waschmaschine etwa wird seit geraumer Zeit versucht - bis dato erfolglos.

Das Handbuch zum Gerät ist selbstverständlich immer ein wichtiger Teil des Designs einer Gerätschaft, und wenn jede Generation der Dinger heutzutage gleich ein Dutzend Funktionen mehr aufzuweisen hat als die Großvatergeneration, dann sind ordentliche Navigationshilfen unerlässlich. Doch, so Tscheligi, "Gebrauchsanweisungen werden häufig in nicht benutzerorientierten Denkstrukturen verfasst, und in Wirklichkeit kümmert sich kein Mensch darum, ob die Kunden später damit zurechtkommen oder nicht."

Ähnlich schwierig stellt sich mitunter das Durchmessen von Formularen und Ansuchen dar, weshalb dieser für die meisten Mitbürger eher ekelhafte Lebensbereich zunehmend von Benutzerforschern wie Tscheligi ausgetestet werden muss, bevor die Zettelberge amtlich werden. "Wir schauen, ob die Leute sich damit zurechtfinden, und es ist gut, dass es in diesem Bereich langsam zu einem konstruktiven Umdenken kommt", so Tscheligi.

Auch die Navigation innerhalb großer Städte bereitet selbst halbwegs Ortskundigen zunehmend Schwierigkeiten. Aus der Sicht des Benutzerforschers gibt es hier eine Wiener Spezialität, denn: "Das Konzept der Wiener Wegweiser ist solchermaßen ausgebildet, dass Endziele angegeben sind, die bereits gar nicht mehr in der Stadt liegen. Will ich zum Beispiel in den 22. Bezirk fahren, muss ich mich nach den Schildern Prag/Brünn orientieren."

Eine sehr brauchbare Navigationshilfe wurde mit dem GPS-Auto-Leitsystem entwickelt, das dem Fahrer genau ansagt, wohin er sich begeben soll. Glücklich, wer sich davon leiten lassen darf. "Denn wo Wegweiser fehlen", meint Tscheligi, "kommt es zu enormen Stresssituationen und zu erhöhtem Unfallrisiko."

Bahnhöfe und U-Bahn-Stationen werden, das darf gesagt werden, bereits benutzerfreundlicher gestaltet als noch vor kurzem. Doch auch hier hätte Tscheligi einen Verbesserungsvorschlag: "Die Anzeigen, die erläutern, wann die Züge einfahren, sollten besser schon über statt in der Station selbst angebracht werden, damit man weiß, ob man laufen soll oder sich Zeit lassen kann."

derStandard/rondo/19/4/02

  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Artikelbild
    www.pawloff.com
Share if you care.