Wenn Schwitzen krankhaft wird

13. Juni 2002, 11:43
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400.000 ÖsterreicherInnen leiden an Hyperhidrose - Richtwert 100 Milligramm pro fünf Minuten in der Achselhöhle

Wien - Obwohl das Schwitzen aus medizinischer Sicht ein lebensnotwendiger Prozess ist, leiden dennoch viele Österreicher darunter. Fünf Prozent der Bevölkerung, das sind rund 400.000 Menschen, haben eine so genannte Hyperhidrose, also übermäßig starkes Schwitzen. Experten schätzten bei einem Pressegespräch in Wien, dass fast zwei Millionen Österreicher mehr transpirieren, als ihnen lieb ist. Auf diese Zahl kommt man, wenn man zu den Hyperhidrose-Patienten jene 640.000 Frauen, die unter Hitzewallungen im Wechsel leiden, sowie die 800.000 Übergewichtigen zählt.

Neben anderen Regulationsmechanismen trägt auch das Schwitzen dazu bei, die Körpertemperatur auf einer konstanten Temperatur von 37 Grad Celsius zu halten - egal, wie kalt oder warm es außerhalb des Körpers ist. Könnte der Körper die ständig anfallende Wärme nicht abgeben, käme es bald zur Temperaturerhöhung, die bei über 41 Grad letal enden kann.

Zuviel des Guten

"Dennoch können Stress, organische und neurologische Erkrankungen, bei Übergewicht sowie bei Frauen im Wechsel eine besonders intensive Form des Schwitzens hervorbringen", sagte der Univ.-Prof. Michael Binder von der Universitätsklinik für Dermatologie in Wien. "Zudem kommt, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit stark zugenommen hat, was den Schweißfluss in Zukunft noch mehr fördern wird", sagte Ernest Rudel, Leiter der Klimaabteilung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG).

Hyperhidrose beschränkt sich generell auf einzelne Körperregionen, meist auf Hände, Füße, Gesicht oder Achselhöhlen. "Die Definition übermäßig Schwitzen ist eher relativ. Aber man geht davon aus, wenn in der Achselhöhle mehr als 100 Milligramm Schweiß pro fünf Minuten produziert wird, dann ist das krankhaft", so Binder. Das seien Leute, denen es unangenehm sei, wenn sie jemanden die Hand geben müssen. "Oder die sich mit dem Schwitzen Anzüge und Schuhe ruinieren", erklärte der Dermatologe.

Salbei hilft!

Abhilfe schaffen kann ein Kraut, das normalerweise zum Gurgeln gegen Halsschmerzen verwendet wird: Salbei kommt als Schweißhemmer wieder in Verwendung. "Eine Studie aus dem Jahr 1998 belegte z.B., dass Patientinnen, die unter Hitzewallungen in der Menopause litten, auf die Behandlung mittels Salbei ansprachen", erklärte Univ.-Prof. Dr. Reinhard Länger vom Institut für Pharmakognosie an der Universität Wien. "Ein Trockenextrakt des Salbeis würde innerhalb von zwei bis drei Stunden wirken. Zu empfehlen sind 120 Milligramm drei Mal täglich", meinte Länger.

"Leider gibt es noch kein Medikament gegen das übermäßige Schwitzen, aber einige Therapien für Betroffene", sagte Binder. Z.B. würden Antitranspirantien wie Aluminiumverbindungen in einem gewissen Ausmaß recht gut wirken, erklärte der Dermatologe. Aber auch eine Iontophorese würde helfen. Dabei werden Hände und Füße in ein Wasser getaucht, in das harmloser Gleichstrom geführt wird. "Etwas schmerzhafter ist die Verabreichung von Botulinustoxin. Das verdünnte Nervengift unterbindet die Schweißproduktion für einige Zeit", so Binder. Die Prozedur müsse jedoch alle fünf bis sechs Monate wiederholt werden und kostet rund 140 Euro.

Eingriff - mit möglichen Konsequenzen

Letzte Instanz gegen Achselschweiß wäre ein chirurgisches Entfernen der Schweißdrüsen in dieser Region, sagte der Mediziner. "Dabei wird der sympathische Grenzstrang im Bereich der seitlichen Brustwand durchtrennt", so Binder. Nachteil dabei sei, dass diese Strang wieder zusammenwachsen könne oder es komme zu einem so genannten paradoxen Schwitzen. "Das heißt, man transpiriert zwar nicht mehr in den Achselhöhlen, dafür aber verstärt am Oberkörper oder im Gesicht", erklärte Binder.(APA)

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