Das Zentralbanken-Komplott

27. Juni 2002, 22:37
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Richard A. Werner: "Zinsen sind irrelevant für Aktienmärkte - die Geldmenge zählt. Die Zentralbanken manipulieren Märkte."

Richard A. Werner ist Managing Director und Chief Economist bei Profit Research Center in Tokio. Am Rande des Spängler Investment Seminars in Salzburg gab er unserem Redakteur Christian Schreckeis ein Aufsehen erregendes Interview: Zinssätze sind, entgegen der Lehrmeinung, für die Märkte überhaupt nicht von Bedeutung. Vielmehr ist es die Kreditschöpfung der Zentralbanken. Weiters ist für den ehemaligen Mitarbeiter der BoJ (Bank of Japan) der Boden in Japan gefunden. Welches Komplott er hinter der Notenbankpolitik vermutet und warum Politiker nur Puppen dieser sind erläutert er im folgenden Interview.

Zinssätze komplett irrelevant...

e-fundresearch/Salzburg: Richard Werner, Sie sind Managing Director und Chief Economist bei Profit Research Center in Tokio. In Ihrem Vortrag hier in Salzburg gehen Sie davon aus, dass Zinssätze das BIP-Wachstum oder das Verhalten von Aktienmärkten bzw. Wechselkurse nicht erklären können. Können Sie darauf bitte ein bisschen näher eingehen?

Richard Werner: Wir sollen natürlich alle im Glauben gehalten werden, dass Zinsen alles erklären. Das ist sehr praktisch für die Zentralbanken, denn man kann damit die ganze Investment-Community und alle Journalisten ablenken. Was die Märkte aber bewiesenermaßen wirklich bewegt ist nicht der Preis des Geldes, also die Zinsen, sondern deren Menge – wenn man sie nur richtig misst. Viele denken das sei das Gleiche, das stimmt aber nicht. Machen Sie nur einen Chart: Zinsen vs. GDP oder Zinsen vs. Aktienmarkt. Das klappt so nicht, egal ob das in Japan, USA oder Europa ist.

... Kreditschöpfung dafür ausschlaggebend

Es gibt ein Modell das besser funktioniert: die Kreditschöpfung. Ich war 1992/93 an der japanischen Zentralbank und hatte da Einblick in interne Modelle. Hier geht es nur um die Quantität der Kreditschöpfung. Die Zentralbanken kontrollieren nicht nur ihre eigene, sondern auch die Bank-Kreditschöpfung – und zwar durch informelle, extralegale Guidance (Führung der Bankkredite).

Bis zu den 70er Jahren war das weltweit relativ bekannt: In Österreich war das die Kreditplafondierung, in UK das Korsett, in Korea und Japan war das die Window Guidance, die Banque de France nannte es Encredement de Credit. Als ich Alan Greenspan 1997 traf bestätigte sich mein Verdacht, dass die Federal Reserve den gleichen Ansatz verfolgt. Öffentlich wird das aber nie zugegeben.

Werner: „Finanzmärkte werden manipuliert!“

Ich wage also zu behaupten, dass die Finanzmärkte manipuliert sind. Der größte Manipulator sind die Zentralbanken! Investoren müssen sich dessen bewusst sein, denn ansonst fährt man ein sehr großes Risiko. Als Berater anderer Fonds war ich extrem erstaunt, wie wenig über die Operationen der Zentralbanken bekannt ist. Die Lehrmeinung weiß z.B. nicht wie man Wechselkurse erklären kann – man kann es aber sehr wohl und zwar durch die relative Kreditschöpfung zweier Zentralbanken. Kürzlich war in der FT und im Economist ein Artikel über den unerklärlichen Verfall des südafrikanischen Rand. Ich schrieb daraufhin einen Brief an die Redaktionen in dem ich die relative Zentralbanken-Kreditschöpfung als Grund angab.

Boden in Japan ist gefunden

e-fundresearch/Salzburg: Das sind ja sehr harte Aussagen. Kommen wir aber nun zu Japan. Wie sieht es dort etwa in Bezug auf die Kreditschöpfung aus?

Richard Werner: Die BoJ hat im Juni letzten Jahres die Kreditschöpfung stark angehoben. Das bedeutet, das der Aktienmarkt nun endlich einen Boden gefunden hat – was man auch schon mit realwirtschaftlichen Daten untermauern kann. Diese Daten kommen natürlich später, bestätigen aber den nach oben gerichteten Zyklus. Was man aber nicht vergessen sollte ist Folgendes: Man geht ja immer davon aus, auch ich war damals so naiv, dass Zentralbanken immer nur das Gute wollen. Das stimmt nicht! Ziel der Zentralbankpolitik ist Wirtschaftszyklen zu erzeugen und zu verstärken. In Japan bedeutet das, das es möglicherweise nur für 1-2 Jahre nach oben geht – ähnlich wie 1998.

Verschwörung der Notenbanken

e-fundresearch/Salzburg: Welches Interesse haben die Notenbanken daran, diese Zyklen nach oben und nach unten zu verstärken?

Richard Werner: Eine sehr gute Frage, die mich auch sehr lange verwirrt hat. Was die Zentralbanken da machen war einfach zu komisch. 1992 hat mir jemand aus der BoJ das schon gesagt, nur konnte ich es damals noch nicht glauben. Ich fragte: „Warum druckt Ihr nicht mehr Geld? Es ist doch Deflation.“ Seinen Antwort war: „Natürlich, wenn wir jetzt mehr Kredit schöpfen gibt es einen Aufschwung. Aber wenn wir einen Aufschwung haben können wir ja nicht die Wirtschaftsstruktur verändern.“

Das erklärt Japan und ist auch für Europa relevant. Die EZB hat auch Quantitätsquoten für die Bankkreditschöpfung aller Länder. Das erklärt warum wir in Irland 25% Kreditwachstum haben und in Deutschland nur 2-3 Prozent - und das mit einem Zinssatz. Möglich wird das nur durch diese Quoten. Leider ist die deutsche Quote sehr klein und wird immer kleiner. Warum ist das so? Die Politiker melden sich jetzt verbotenerweise bei der EZB um sie dazu zu bewegen was gegen die Rezession zu tun.

Die EZB antwortet darauf: „Monetäre Politik gibt es jetzt nicht. Macht Eure Struktur-Veränderungen. Zerstört das deutsche Nachkriegssystem – wir brauchen amerikanischen Kasinokapitalismus. Das alte System hat nicht funktioniert, schaut euch nur die aktuelle Rezession an.“ Zentralbanken haben oft ganz andere Agendas als wir glauben – und als Investor muss man sich dessen bewusst sein.

Politiker nur Puppen der Zentralbanker

e-fundresearch/Salzburg: Welche Rolle spielt die Parteipolitik dabei, wenn etwa unter dem Deckmantel der Rezession Reformen durchgeführt werden?

Richard Werner: Die Politiker sind genauso Puppen im Spiel der Zentralbanker wie alle anderen. Es ist fast noch erschreckender was die Politiker wirklich von Kreditschöpfung oder von Volkswirtschaft verstehen.

e-fundresearch/Salzburg: Vielen Dank für das Gespräch!

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