Die freie Bildung stirbt - eine Zitrone

10. Oktober 2002, 19:38
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Für eine monströse disziplinar-
gesellschaftliche Kurzsichtigkeit der Bildungs-
politikerInnen

Die freie Wissenschaft und mit ihr die Vermittlung von Vielfalt von Wissensformationen stirbt. Eine perpetuierte Ghettoisierung von Geistes-, Sozial- Kultur- und Humanwissenschaften war leidig aber gewohnt - als verlangsamende Instanz von Produkten der Natur- und Technikwissenschaften unbeliebt, in ihren eigenen Hervorbringungen den meisten Mitgliedern der Gesellschaft, die BildungspolitikerInnen inklusive, schwer zugänglich (nicht zuletzt schuld daran hat die österreichische monokulturelle Medienlandschaft) und somit die große Unbekannte in der bildungspolitischen Gleichung. Und was in Österreich fremd ist, ist ungewollt. Oder wird dazu gemacht. Und weil auch in einer von neoliberalen Einschreibungen geprägten Politik noch nicht gesagt werden kann, was eigentlich beabsichtigt wird, werden durch Scheinreformen erkämpfte Rechte als verkrustete Altlasten kommuniziert.

So verspricht der Entwurf für das Universitätsgesetz Autonomie, meint aber Abhängigkeit: Vom Ministerium delegierbare Abkömmlinge und vom (gesetzlich so verankerten) professorendominierten Uni-Senat (bei 4% weiblichen ordentlichen Professorinnen schwindet mir das Gedächtnis ans I) Gewählte werden über die Einhaltung von Leistungsvereinbarungen, die für die Forschung "gesellschaftliche" Ziele festlegen, befinden. Wem da zugearbeitet werden soll, sind die Wirtschaft und die Industrie. Die in/mit der Struktur eigentlich leben, treffen keine Entscheidungen mehr, auch nicht was die Studienpläne anbelangt.

Zuarbeiten trifft auch das, was das 3-teilige Studium anbelangt: Nicht Wissen schaffen ist gewollt, denn das setzt wissen wollen und Wissen erlangen voraus. Nach Abschluss des ersten (dann sicher auch schon durch die Studienbeiträge verteuerten) Studiums verdient frau/mann sich den Titel einer wissenschaftlichen Fachkraft. Und willkommen im Leben der Privatwirtschaft. Und die verlangt nicht nach AbgängerInnen der HUS oder GEWI.

Dass dieses auf Unwissenschaftlichkeit aber Effizienz des Funktionierens angelegte Monstrum besonders die weiblichen Studierenden verschlingen wird, ist im Klima der Regierungspolitik nicht von der Hand zu weisen. Die nämlich haben die schlechteren Karten wie überall, wenn es um Selektionsprinzipien und Klassengewichtungen geht, um eine Weiterführung von in der Rektorenkonferenz ohne I besagten Förderung von Begabung und Eignung. Aber öffentlich kann das Argument des Bildungsnachteils von Frauen herrlich ausgehobelt werden - mit demselben Schema eines Substituts ohne wirklicher Verbesserung. Und Gegenargumentieren wird, wenn es von Seiten engagierter Frauen kommt, so leicht zum Lamentieren.

Die freie Bildung, ohne Präfix bitte, stirbt, zuerst für uns Frauen. Pathetisch - soll es sein, die Lage ist todernst. Die Grenze zum nicht wieder Umkehrbaren verschiebt sich immer mehr eben dorthin. Der Gesellschaft zu vermitteln, dass Reflexion - so wie sie die gender studies und andere nicht-naturwissenschaftliche Studien zu betreiben versuchen - und die Erkenntnisse aus diesem Prozess nicht nur für die Wissen_SchafferInnen wichtig sind, sondern in ihrer Vermittlung auch für den Großteil der Gesellschaft, der auf Veränderungen hofft, denn: alle Reflexion zerstört Realität - und eine neue kann entstehen.
(bto)

19.04.2002
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