Alles für den Hugo

20. Juli 2004, 13:07
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Chávez kehrt zurück - Die einen feiern, die anderen demonstrieren und plündern weiter - Interimspräsident Estanga festgenommen

Caracas/Montevideo - Nach der Rückkehr an die Macht von Staatschef Hugo Chavez hat es in Venezuela Plünderungen und neue Proteste gegen den linksnationalistischen Präsidenten gegeben. Wie Medien berichteten, wurden am Sonntagabend (Ortszeit) in Caracas vor allem Schuh- und Elektrogeschäfte geplündert sowie Fensterscheiben von Banken zerstört. Die Ereignisse wurden als "Rache" ärmerer Schichten an den Geschäftsbesitzern interpretiert, die sich in der vergangenen Woche einem Generalstreik gegen Chavez angeschlossen hatten.

Die Plünderungen konzentrierten sich den Angaben zufolge auf die ärmeren Wohngebiete im Westen der Hauptstadt. Dabei wurden auch Brände gelegt, die die Feuerwehr schnell unter Kontrolle bringen konnte. Nach unbestätigten Berichten gab es bei den Unruhen erneut Toten. Der staatliche Fernsehsender "Venezolana" rief die Bevölkerung zur Ruhe auf.

Im wohlhabenderen Osten der Stadt gab es erste kleinere Gegenproteste gegen die Rückkehr von Chavez an die Macht. Rund 500 zumeist junge Menschen versammelten sich im Stadtteil Altamira, um den Rücktritt des als autoritär kritisierten Chavez zu fordern. Die Kundgebung blieb friedlich.

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Sonntag, 1.45 Uhr, La Orchila: Ein Armeehelikopter hebt vom Marinestützpunkt "Capitan de Navío Antonio Díaz" ab. An Bord ist Hugo Chávez Frias, der am Freitag abgesetzte Präsident Venezuelas. 75 Minuten benötigt der Hubschrauber für die 160 Kilometer von der Karibikinsel nach Caracas: Punkt drei Uhr früh kommt Chávez im schwer bewachten Präsidentenpalast Miraflores an. Blasmusik und jubelnde Anhänger empfangen ihn. Wenige Stunden später wird der neue alte Präsident der Republik Venezuela die erfolgreiche "Konter-Konter-Revolution" verkünden.

Die "Konter-Revolution" hatte am Freitag stattgefunden: Nach tagelangem Generalstreit marschierten Demonstranten auf den Präsidentenpalast, Schüsse fielen, mindestens ein Dutzend Menschen fanden den Tod. Die venezolanischen Streitkräfte machten Chávez für das Blutbad verantwortlich, setzten den 47-Jährigen ab und internierten ihn auf einem Militärstützpunkt. Als Interimspräsident wurde Pedro Carmona Estanga, der Chef des Unternehmerverbandes Fedecámaras, ausgerufen.

In seiner ersten Amtshandlung löste Carmona Estanga das Parlament auf, hob per Dekret 49 von Chávez gezeichnete Gesetze auf und versprach Neuwahlen. Dann überstürzten sich die Ereignisse: Wieder gehen Hunderttausende - diesmal sind es Chávez-Anhänger - auf die Straße. Dutzende Menschen sterben bei Zusammenstößen. Die Militärs lassen Carmona Estanga fallen. Als dritter Staatschef Venezuelas in drei Tagen übernimmt Vizepräsident Diosdado Cabello die Amtsgeschäfte und erklärt, Chávez werde "innerhalb von Stunden" zurückkehren.

Tatsächlich landet der Helikopter Chávez', der in Haft Gedichte zu schreiben begonnen hatte, aber nicht einmal sein erstes Werk zu Ende bringen konnte, wenig später auf dem Dach des Präsidentenpalastes. Um 4.30 Uhr setzt Cabello ihn per Dekret wieder als Präsident ein. In einer TV-Ansprache Sonntagmorgen ruft ein bewegter, nachdenklicher Chávez schließlich die Bevölkerung zu "Wahrheit und Einheit" auf.

Meinungsverschiedenheiten müssten respektiert werden, sagte der statt in Uniform in einen blauen Flanellanzug gekleidete Staatschef. Für kommende Woche kündigte er einen runden Tisch mit Vertretern aller gesellschaftlichen Sektoren des Landes an. Er wolle es jetzt nicht zu einer Hexenjagd kommen lassen, betonte er und rief auch die Opposition zu Mäßigung auf.

"Ich habe vor, einige Dinge besser zu machen, aber nicht nur ich, alle müssen wir Dinge ändern, um wieder Ruhe einkehren zu lassen", sagte Chávez. Mit Ausnahme der USA hatte das Ausland den Umsturz in Venezuela verurteilt. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) hatte kraft ihrer demokratischen Charta die Suspendierung Venezuelas erwogen.

Chávez dankt Militärs

Der abgelöste Carmona Estanga befand sich Sonntag im Gewahrsam von Militärs und verlangte Sicherheitsgarantien. Generalstabschef Lucas Rincon, der sich zunächst von Chávez distanziert hatte, in der Nacht aber eine Schlüsselrolle bei der Rückkehr des gestürzten Präsidenten spielte, wurde von Chávez in seinem Amt bestätigt. Der Präsident bedankte sich bei den Streitkräften, die sich um die Wiederherstellung der Legitimität und Verfassung in Venezuela verdient gemacht hätten.

Chávez, genannt "Hurrikan Hugo", war 1998 mit mehr als 60 Prozent der Stimmen gewählt worden. Zuletzt hatte er mit seinem autoritären Regierungsstil jedoch nicht nur Kirche, Unternehmer und Gewerkschaften gegen sich aufgebracht, sondern auch langjährige Gefolgsleute verprellt. (APA/DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 15.4.2002)

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