Aus dem beschädigten Leben

11. Juni 2002, 21:16
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Im Rabenhof glückt eine Inszenierung von Werner Schwabs Todesspiel

Wien - Zu sehen auf der Rabenhof-Bühne in Barbara Neureiters Inszenierung von von Werner Schwabs Der Himmel mein Lieb meine sterbende Beute ist: Kleinbürgerlichkeit, die der Tod ist, und Tod, der Kunst ist, die im Mief selbst kleinbürgerlich herumschlägt. Markus Klika hat zwischen Tapeten, die wie aus Frau Spiras Sozialpornos wirken, ein Kabinett mit aufgestelltem Metallwaschbecken samt Künstlermutter Wurm (Elisabeth Prohaska) als Utensil und ins Wohnzimmer ein Bett samt Künstlerfreundin Anna Rottweiler (Liese Lyon) gestellt.

Barbara Neureiter zeigt einen ernsten Schwab, indem sie Todesmetaphern durchspielt: Zu Beginn wird Hermann Wurm, Schleimkunstmaler, von Anna Rottweiler nach vollzogenem Akt aus dem Bett geworfen, begleitet von Schwabs mehrfach gebrochener Kunstsprache: "Endlich hat dir die meinige Anschmiegsamkeit eine jede Möglichkeit aus deiner Samenbank herausgestoßen, mich mit dir zu vernachlässigen." Die simple Lesart wäre: Vor Bürgerlichkeit fliehender (deshalb Sexualangst!) Radikalkünstler scheitert erstens an der Mutterwelt, die ihn einholt, und zweitens an der Galeristenwelt (Karl Menrad), die ihn später fallen lässt.

Aber Werner Schwab ist komplizierter, und die Regie folgt ihm zugleich streng und einfallsreich, indem sie die Schauspieler(innen) Tod und Gewalt durchdeklinieren lässt: Der - von Andreas Patton körperlich sehr gut gespielte - Schleimmaler Wurm verstümmelt sich wie van Gogh (die Mutter darf das Ohr aufklauben), er lässt sich von Sexknechten schlagen und schlägt selbst. Zur Musik von FM Einheit bewegt sich auch Roswitha Soukup als designte Kunstdame Cosima Grollfeuer so präzise wie zerstörerisch.

Dies alles zwischen gut überlegten Bildern der Männerangst: wenn Liese Lyon zu Beginn ihre Monatsbinden ausbreitet und die verschrumpelte Mutter nach dem vermeintlichen Sohnesscheitern gegen Ende das Waschbecken in das große Zimmer zurückschleppt - sehenswert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 4. 2002)

Von
Richard Reichensperger


WEB-TIPP:

Rabenhof.at

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