Die andere Seite des Collio

28. September 2001, 10:11
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Serie: Wochenenden, die sich lohnen Horst Christoph fährt fort
Eine nicht ganz unbeschwerliche Radtour durch slowenisch-italienisches Rebenland

Warum heißen im italienischen Friaul die Winzer Primosic, Princic oder Kitzmüller? So wie in Slowenien die Weingüter Constantini oder Valdhuber heißen? Die Antwort lässt sich an einem nicht ganz unanstrengenden Wochenende mit dem Rad erfahren "Hier verläuft die Grenze", sagt Frau Scurek und deutet auf den schmalen Streifen von Buschwerk 50 Meter neben ihrem Haus. Dahinter liegt das Collio mit den besten Weinlagen Friauls, und vor dem Streifen die Goriska Brda mit den exakt gleichen klimatischen und mineralogischen Voraussetzungen. "Sono tutti sloveni", erklärt Frau Scurek mit einer Handbewegung, die den ganzen hügeligen Horizont umfasst. Es sind alles Slowenen: die weltbekannten Winzer im Collio und die Jungen in der Brda, die den unbändigen Willen haben, zu den Friulanern aufzuschließen.

Und wie um das zu beweisen, holt Frau Scurek, die Mutter des Winzers Stojan, eine Flasche Pinot grigio aus dem Klimaschrank. Dieser frische Weiße heißt hier Sivi Pinot und rinnt nach einem langen Tag auf dem Fahrrad kühl und prickelnd durch die Kehle.

Lang war dieser Samstag wirklich, denn er begann, nach einer Nachtfahrt mit dem Zug, im Morgengrauen im neuen Bahnhof Tarvisio Boscoverde. Die ersten 15 Kilometer, von Tarvis zur slowenischen Grenze auf dem Predilpass, sind mit 400 Höhenmetern Steigung schweißtreibend, aber dann geht es 80 Kilometer und 1000 Höhenmeter bergab. Zuerst rasant hinunter nach Bovec und dann gemächlich mit kürzeren Gegensteigungen entlang des Isonzo, der hier Soca heißt, talaus.

Das Socatal ist südalpines Bauernland mit Oleandern vor und Stangenbohnen hinter den kleinen Häusern. Vom Hauptort Tolmin herüber läuten die Zwölfuhr-Glocken, und bald danach wird die Gegend eintöniger. Doch noch einmal wird es sportlich. Beim Ort Plave zweigt rechts eine kurvige Straße ab, die über 260 Höhenmeter Steigung einen kleinen Pass erreicht. Von hier taucht man ein in die Goriska Brda, ein hügeliges Land, als wär's im Piemont, mit steilen Rieden und kleinen Dörfern. Auch der Hauptort Dobrovo mit seinem Renaissanceschloss ist nur der Kern einer Ansammlung von Weilern wie Plesivo, Vipolze oder Medana.

Hier liegen die bekanntesten Weingüter wie Simcic, Constantini, Scurek, Kristancic oder Klinec, die nach Voranmeldung Verkostungen und zum Teil auch Gästezimmer bieten. Sie bauen die autochthonen Sorten der Region an, wie Rebula (Ribolla gialla), Verduc (Verduzzo), Pika und Glera und exportieren ihre Weine bis in die USA.

Die österreichischen Steuerbücher aus dem 19. Jahrhundert, mit denen Stojan Scurek die Wände seines Barriquekellers dekoriert, vergegenwärtigen Geschichte. 1875 schlossen sich, auf eine Initiative der Collio-Winzer, die Weinregionen im gesamten damaligen Österreich - von Ungarn bis Südtirol, von der Steiermark bis ins heutige Tschechien - zum Erfahrungsaustausch zusammen. 1891 wurden in Görz weit reichende Qualitätsbestimmungen beschlossen, an die die Winzer in der Goriska Brda nach Ende der kommunistischen Ära wieder anknüpfen konnten.

Nach einem Nachtgewitter ist der Sonntagmorgen sonnig und frisch, und neun Kilometer hinter Dobrovo führt die Straße über die italienische Grenze ins friulanische Collio. Cormons, Brazzano, Dolegna heißen hier die berühmten Weinorte und weiter nördlich Prepotto, Attimis und Nimis in den Colli Orientali del Friuli. Dazwischen liegt Cividale mit seinem Langobarden-Museum und zum Abschluss einer 70-Kilometer-Fahrt Gemona del Friuli mit seiner schönen Kirche.

Man kann sich Zeit nehmen an diesem Tag, denn der Euronight-Zug von Gemona nach Wien geht erst um 23.41 Uhr. Die Zeit bis dahin lässt sich aber vortrefflich in der "Osteria e Cucina" in Ospedaletto (drei Kilometer vom Bahnhof) bei herzhaften Nudelgerichten, am offenen Feuer gebratenem Ochsenfleisch und der keinesfalls auszulassenden "Herrentorte" verbringen. Wenn der Zug dann am Montag um 6.27 Uhr früh am Wiener Südbahnhof einrollt, lässt sich Erlebnisbilanz ziehen: Die Mühe hat sich mehr als bezahlt gemacht.

Tipps zum Nachreisen
Anreise:
Der Reiz dieses nicht ganz unbeschwerlichen Ausflugs liegt in der An- und Rückreise per Nachtzug im Liegewagen (Freitagabend los, Montagmorgen wieder zurück). Wien Süd ab: 22.28 h, Tarvisio Boscoverde an: 4.44 h. Gemona del Friuli ab: 23.41 h, Wien Süd an: 6.27 h. Nach den neuen ÖBB-Bestimmungen muss das Rad in ein Gepäckstück verwandelt werden. Also: Räder, Kotschützer und Gepäckträger abmontieren, Lenker verstellen und das Ganze in eine Transporttasche mit Schulterriemen packen - zu bestellen im Fahrradhandel (in Wien z. B. Gartner, Lerchenfelder Gürtel 29 und Mountainbiker Megastore, Währinger Gürtel / Ecke Sternwartestr.), Kosten ca öS 1300 / EURO 94,5, Gewicht etwa 3 kg. Eine billigere Möglichkeit ist der Werga Gartensack, erhältlich bei Baumax um öS 209 / EURO 15,2. Die Bahnhöfe Tarvisio und Gemona haben Warmwasser-Waschgelegenheiten zum Händereinigen.
Adressen: Tourismuszentrum Dobrovo Tel. 00386/5/395 95 95, E-Mail: obcina.brda@guest.arnes.si, Prospekte mit Adressen von Winzern und Gastbetrieben. Hier kann man auch erfahren, wann Weinlese ist: Zu dieser Zeit sind nämlich die Winzer zu beschäftigt, um Gäste zu beherbergen und Verkostungen durchzuführen.
Agrotourismus-Betrieb Stojan Scurek (10 Betten, Weinverkostung, Kellerführung) Tel. 00386/5/304 50 21, E-Mail:scurek.stojan@siol.net



Literatur: Peter Lexe, Ferdinand Neumüller: Slowenien: Hundert köstliche Entdeckungen.



Dieselben: Friaul-Julisch-Venetien: Sieben köstliche Reisen.



Beide Bücher (Verlag Carinthia, Klagenfurt) bieten fundierte, schön illustrierte Information über Kultur, Küche und Keller.
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