Entlang des Silberfadens

17. August 2001, 10:27
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Das Krimmler Tauernhaus ist mehr als ein Berggasthaus. Es ist ein Stück Kulturgeschichte der Alpen

Die holzgetäfelten Wände schimmern wie dunkler Honig und sind über und über mit Malereien bedeckt. Die Decke ist niedrig, gerade so, dass der Kopf nicht an die mächtigen Querbalken stößt. Vier Tische haben in dieser Stube Platz, aber die Gäste rücken gerne zusammen, wenn die Sonne untergegangen ist und die Außentemperaturen rasch sinken. Denn diese Wirtsstube ist nicht nur eine der ältesten, sondern auch eine der höchst gelegenen in den Ostalpen.

Vor mehr als sechshundert Jahren,

genau gesagt im Jahr 1389, wurde zum ersten Mal urkundlich eine "taberna in ahen", eine "Taferne in der Achen" erwähnt. Sie war eine Herberge für Träger und Säumer, die Salz nach Süden und Wein nach Norden transportierten und dabei am Krimmler Tauern den Alpenhauptkamm überquerten. Diesen Übergang zwischen Krimml im Pinzgau und dem Südtiroler Ahrntal kannten schon Kelten und Römer, er diente Salzburger Schmugglern und Wandermalern aus dem italienischen Fassatal, und 1947 wurden hier jüdische Überlebende des Holocausts nach Italien und von dort nach Palästina geführt.

Wirtshaus von beachtlicher Qualität

Das Krimmler Tauernhaus auf 1631 m Seehöhe ist also ein Stück alpiner Kulturgeschichte, aber darüber hinaus heute ein Wirtshaus von beachtlicher Qualität. Einfache Zimmer (Dusche und WC am Gang) duften nach Zirbenholz, Kachelöfen sorgen in der kalten Jahreszeit - und die dauert hier von Oktober bis Mai - für behagliche Wärme. Auch das Essen ist einfach, aber die Blut- und Leberwürste stammen von der Hausschlachtung, und das Ochsenfleisch kommt von den eigenen Rindern. Und wer den Altwirt dazu überreden kann, etwas von dem eigens für ihn gekästen Pinzgauer "Graukas" herauszurücken, der genießt Almkost vom Frischesten.

Seit 1906 ein unternehmungslustiger Tiroler aus Gerlos das Haus übernahm und modernisierte, ist es im Besitz der gleichen Familie. Der im Pinzgau legendäre Simon Geisler war nicht nur Wirt, sondern von 1919 bis zu seinem Tod 1931 auch Abgeordneter der Christlichsozialen im Nationalrat. Er versorgte das Krimmler Tauernhaus mit einem Kleinkraftwerk und legte eine Telefonleitung, um jederzeit mit der Politik in Wien verbunden zu sein. Simons Nachkommen versuchen inzwischen eine Gratwanderung zwischen Naturnutzung und Naturschutz, wie sie auch die Bestimmungen des Nationalparks Hohe Tauern festlegen. Enkel Adi hat das Haus vor kurzem an seinen Sohn Friedrich übergeben, betreut aber selbst noch den Taxidienst von und nach Krimml.

Bequem erreichbar

Ja, die Taferne im Achental ist heute bequem mit dem Kleinbus zu erreichen. Beschwerlicher, aber ungemein erlebnisreicher ist jedoch der dreieinhalbstündige Aufstieg zu Fuß. Die erste Hälfte folgt dabei auf dem "Wasserfallweg" dem gewaltigen Naturschauspiel der fast 400 m hohen dreistufigen Krimmler Wasserfälle mit Sprühregen und Regenbogen und einer üppigen Feuchtvegetation von Moosen, Flechten und Farnen. Zu teilen ist dieses Erlebnis mit tief verschleierten Orientalinnen, bayrischen Lederhosenträgern und Handy-plaudernden italienischen Kids. 500.000 Touristen besuchen pro Jahr die Krimmler Fälle.

Hat man allerdings den oberen Rand des Wasserfalls erreicht, ändert sich die Szenerie schlagartig. Ein breites, flaches Trogtal führt über 15 km Länge nach Süden, seinen Talschluss bildet ein mächtiger Hängegletscher, das Krimmler Kees, auf halbem Weg liegt das Krimmler Tauernhaus.

Die Menschenscharen sind verschwunden

Übrig geblieben ist eine Hand voll Bergwanderer und einige Mountainbiker, denn das Krimmler Achental - in der Außenzone des Nationalparks Hohe Tauern gelegen und deshalb für motorisierten Privatverkehr gesperrt - ist auch eine anspruchsvolle Bergradstrecke.

Der Talboden ist Wiesen- und Weideland mit mehr als zwanzig Almen. Hundert Stück Vieh stammen allein aus Südtirol und werden jeden dritten Freitag im Oktober über den Krimmler Tauern zurück auf ihre Höfe im Ahrntal getrieben. Am Wegrand entfaltet sich eine reiche Bergvegetation mit Eisenhut, Federnelken, Bergthymian und duftenden Orchideen (Kohlröschen und Knabenkraut). Saftiger Sauerampfer und würzige Bachkresse verlocken auch den Wanderer zum Grasen.

Alle paar Hundert Meter stürzt ein Wasserfall über die steilen Seitenflanken. Manche dieser Fälle sind nur ein einziger silberner Faden, andere bilden Schleier oder stürzen über mehrere Stufen der Krimmler Ache entgegen, die smaragdfarben durchs Tal mäandert, bis sie selbst zum Wasserfall wird.



Tipps zum Nachreisen Krimmler Tauernhaus: 1631 m Seehöhe. 23 Betten (Übernachtung mit Frühstück öS 300 / EURO 21,8), 38 Lager (ÜmF öS 260 / EURO 18,9). Ganzjährig geöffnet. Anstieg von Krimml über die Krimmler Wasserfälle (Wegerhaltungsgebühr öS 20 / EURO 1,5) 3 1/2 Stunden, vom Bahnhof Krimml 4 Std. Mountainbike-Auffahrt, von Krimml 2 Std. Taxitransport mit Kleinbussen tgl. bis 11 h und ab 16 h: öS 140 / EURO 10,2.
Wander-, Mountainbike- und Tourenmöglichkeiten: Krimmler Tauernhaus - Talschluss am Fuße des Krimmler Keeses und zurück 3 1/2 Std. (Wanderung), 2 Std. (mit Mountainbike). Krimmler Tauernhaus - Warnsdorfer Hütte (2336 m Seehöhe) 4 Std. (hochalpine Tour, nur mit Bergausrüstung). Über den Krimmler Tauern vom Krimmler Tauernhaus über den Krimmler Tauern (2633 m) zur Birnlückenhütte (2441 m) in Südtirol 6 1/2 Std. (hochalpine Tour, nur mit Bergführer zu empfehlen). Im Winter ist das Krimmler Tauernhaus Ausgangspunkt für anspruchsvolle Skitouren und eine 16 km lange Loipe durchs vordere Achental.
Anfahrt: Mit Bahn über Zell am See, Krimmler Bahn bis Bhf. Krimml (Taxiabholung). Über Jenbach nach Zell am Ziller und von dort mit Bus über Gerlos nach Krimml. Mit Bus von Kitzbühel über Pass Thurn nach Mittersill und von Lienz über Felbertauern nach Mittersill. Weiter mit Bus oder Bahn nach Krimml. Mit Auto von Nordtirol und Vorarlberg über Inntal-Autobahn bis Jenbach, weiter über Zell am Ziller und Gerlos nach Krimml oder über Kitzbühel - Pass Thurn. Von Ostösterreich über A 1, Tauernautobahn bis Bischofshofen, weiter bis Zell am See, Mittersill nach Krimml. Von Steiermark und Kärnten über A 2 und Tauernautobahn bis Spittal, weiter über B 100 nach Lienz und über die Felbertauernstraße.
Informationen und Bestellungen: Krimmler Tauernhaus, Fam. Geisler, Tel. 06564/8327, 0664 / 2612174, E-Mail: krimmler-tauernhaus@aon.at, www.krimmler-tauernhaus.at. Tourismusverband Krimml, 06564/7239 (u. a. Infos über das Ausleihen von Mountainbikes).

Serie: Wochenenden, die sich lohnen Horst Christoph fährt fort

Buchtipps:
Das Krimmler Tauernhaus und seine Umgebung in Geschichte und Gegenwart. Hrsg. Harald Waitzbauer. Verlegt von Salzburger Nationalparkfonds, Neukirchen am Großvenediger, 2000

Sepp Brandl, Hohe Tauern. Nationalpark Nord. Die schönsten Tal- und Höhenwanderungen. Reihe Rother Wanderführer. Bergverlag Rother, München 1999.
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