Der Sommer im Winter

23. Mai 2005, 14:43
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Badespaß muss nichts mit Sonne und Sandstrand zu tun haben. Auch im Norden des Bottnischen Meerbusens kann man plantschen.

Thermoskanne eingepackt, Wodkaflasche auch, Ohrenklappen über dem Badehäubchen festgezurrt. Das Auto am Heizungskabel angeschlossen, und zwar an eines jener kleinen hellgrauen Stromversorgungskästchen, die hierzulande wie lichtgraue Parkometer mit der ominösen Aufschrift "Varattu" die Fahrzeuge dauerheizen. Ein wenig Vorsicht kann schließlich nicht schaden an der Kaimauer von Ajos; auch den ersten wirklich schönen Tagen der beginnenden lappländischen Badesaison darf man ja nur bedingt trauen. Und das gilt eben auch für die schneeweißen Beaches der Riviera von Kemi.

Open-Air-Gefriertruhe

Wir befinden uns am Wiek, dem nördlichsten Teil des Bottnischen Meerbusens, einer Gegend mit dem klimatischen Charme einer Open-Air-Gefriertruhe. Darauf verweist ja bereits die gängigste Art der Anreise zur Hafenmole: Per Snowmobil auf schnittiger Kufe kommt der gelernte lappländische Beachboy über die kristallzuckerfarben glitzernden Flächen der spätwinterlich-vorfrühlingshaften Eishalden dahergebraust. In der Regel von Norden her, aus Rovaniemi vielleicht, mit schönen Grüßen vom Weihnachtsmann, der dort ja bis Ende Juni die Hohoho-Stellung hält.

Der Schneehölle entlang

Andere schlittern nach einer ziemlich coolen Nacht in Kemis Eisburg herüber, die, als finnische Antwort aufs berühmte schwedische Eishotel von Jukkasjärvi, neben meterhohen Schneetürmchen und -bastionen neuerdings auch Zimmer für durchreisende Eisbeißer bereithält. Wenn die Zeit knapp wird, nimmt man statt der Uferwege parallel zur E4 besser den Abschneider über die Meeresbucht, immer nur die Schneehölle entlang. Wo das Land endet und das Wasser beginnt, wissen von Dezember bis Mai hier lediglich Insider - und doch wäre es schade, zu spät zur Mole zu kommen.

"Ice on the Docks"

lautet nämlich die Attraktion am Hafen von Ajos, der rund zehn Kilometer von Kemi entfernt nicht nur Lappen aus noch nördlicheren Gefilden, sondern neuerdings auch Fremde aus aller Welt anlockt. Fremde Badegäste um genau zu sein, die den Finnen zwar nicht unbedingt die besten Liegeplätze an der Lappen-Riviera um Kemi streitig machen, aber dafür die Bordtickets fürs lokale Ausflugsschiffchen - einen Eisbrecher, so wie es sich für diese unterkühlte Ecke Europas eben gehört.

Passagier-Eisbrecher, weltweit einzigartig

"Die ,Sampo' ist der einzige Passagier-Eisbrecher der Welt", erfährt man wenig später auf der Kommandobrücke des Kapitäns. Acht Meter dicke Schollen kann der 1960 getaufte Kahn knacken, der trotz seiner 3540 Tonnen für das heutige Eisbrecherbusiness zu schmalbrüstig geworden ist. Ein klein wenig andächtig geben die belehrten Passagiere klammen Fingers trotzdem ein dickes, schweres Stück Eisen weiter - ein handtellergroßes Stahlmuster jener Bugwand, die nun seit einer guten Stunde durchs Bottnische Meer crusht. Ein eisblauer Wasserkanal am Heck beweist, dass der Trick nicht doch mit Rädern funktioniert.

Blauer Himmel, rote Nasen, weiße, schneeige See

Ringsum knirscht das Meer, so wie es sich für Gefrorenes eben gehört, und an Backbord treibt soeben ein weit vom Ufer abgekommener Langläufer vorbei. Rund einen Meter misst die dicke Eisschicht der Bottnischen Wiek, am stärksten wird sie im März. Bis zu 190 Tage im Jahr kann man darauf ungestraft spazieren gehen, und wenn der Wind die Eisschollen am Anfang und am Ende der Eisperiode, so gegen Mitte Dezember und Mitte Mai, aufeinander schiebt, können sie gut vier Meter hoch werden und unter Wasser mehr als zwanzig.

Vom Snowscooter auf den Eisbrecher

Davon ist jetzt nichts zu sehen. Souverän schiebt sich die "Sampo" durch die Bizarrerie der flachen Eiswüste, vorbei an rund geschliffenen Eiskugeln und spiegelglatten Flächen, stoppt gelegentlich, um Passagiere auf offener See aufzunehmen, die hier vom Snowscooter auf den Eisbrecher umsteigen, weil vom Reisebüro so vermittelt. Mühelos zerdrückt das Schiff die Schollen vor dem Bug, als ob es bloß Crush-Eis für den nächsten Wodka wäre. Doch Letzterer muss erst verdient werden, die Hauptattraktion der sonderbaren Reise durchs finnische Eis steht nämlich erst aus: Wer auf der "Sampo" als Tourist anheuert, erfährt nun, wie man sich als Olive im Drink vorkommt. Die Maschinen, die in einer Stunde Vollbetrieb so viel Energie verschleudern wie ein normaler finnischer Haushalt im ganzen Jahr, stoppen. Und dann wird es um eine Nummer finnischer, als der mediterran konditionierte Badeurlauber in der Regel verträgt.

Die Stunde der Gummimenschen

Orangerot, mit dicken Neoprenhäuten und Watschelfüßen arbeiten sie sich die Gangway hinab, streben aufs heckseitige Eisloch zu, rollen sich Sekunden später wie Robben zwischen schwimmenden Eisblöcken und prustenden Eisschwimmern im eher reschen Nass. Draußen Muttern, mit Pocketkamera und Daunenjacke, konzentriert am Drücker fürs Familienalbum arbeitend. Auch der Rettungsschwimmer vom Sampo-Team schaut genau, für den Fall, dass einer der Gäste das Kunststück schafft und unter die Eisdecke schlüpft, oder ein Zaungast ohne Neopren ins Wasser fällt. Doch das kam bislang nicht vor. Nicht einmal Frostbeulen.

Ideal für Schiffbrüchige und Ausgesetzte

Die Wiek ist ein freundliches Meer, die ideale See sogar für Schiffbrüchige und Ausgesetzte. Wer es schafft, mit all den Gummiwülsten am Bauch aus dem Eisloch zu krabbeln, Zoff mit dem Kapitän hatte oder einfach die Rückfahrt versäumt, braucht für den Heimweg nicht unbedingt die "Sampo". Drei Stunden Fußmarsch Richtung Hafen reichen in der Regel auch. (Der Standard | Rondo | Robert Haidinger)

Info:
Sampo Tours Torikatu
Tel. 00358 / 16 256 548
Fax 256 36, E-Mail: sampo@kemi.fi
Der Eisbrecher verkehrt - der Eisdecke entsprechend - bis Anfang Mai
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