Lignano - die erfundene Stadt

20. Juli 2005, 14:39
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In Österreich ist Lignano eine Art Synonym für sommerlichen Massentourismus. Ein Image, das der Ort nun allmählich korrigieren will.

Sole, spiaggia, mare, pizza, gelati: das - nichts anderes - ist Urlaub. Denn seit Generationen beginnt, was man so "Urlaub" nennt, knapp hinter Villach, nach Arnoldstein, oben in Tarvis. Auch heute noch erleben die heimischen Kinder so ihren ersten Urlaubstag: das Kanaltal abwärts, das der Tagliamento mit seinem bizarr geschotterten Bett tief in die Alpen genagt hat, vorbei an Udine. Und dann, endlich: Adria! Sole und spiaggia und mare. Worte, die längst schon integriert sind ins Deutsche, so wie die Pizzerias und Gelaterias hierzulande selbstverständlich zum Bodenständigen zählen.

An der Mündung des Tagliamento, mitten im malariabedrohten Sumpf der Laguna di Marano, wuchs zu Beginn des vorigen Jahrhunderts jene Sache, die dann Fremdenverkehr genannt wurde und heute Tourismus heißt. 1904 wurde die erste Badeanstalt eröffnet, 1928 gab's schon konkrete Entwicklungspläne. Ein ganzer Ort sollte entstehen, eine Stadt: Lignano.

Lignano ist eine "erfundene Stadt", heißt es im Bildband Sabbia d'Oro, herausgegeben von der Comune di Lignano Sabbiadoro, "eine Stadt, die am Rande einer sandigen Ebene auf einer Art von Land der Leere aus einer Idee heraus geboren wurde". Und ihr einziger Daseinszweck war die Unterhaltung, das dolce far niente. Der Sumpf wurde trockengelegt, Verbindungswege trassiert, die ersten Hotels errichtet. 1930 zählte man 60.000 Gäste, Ende der 50er-Jahre schon 180.000. Heute ist Lignano im Sommer der bevölkertste Ort Friauls: 60 Hektar Strand, 200 Hektar Pinienwald, 170 Hotels, 350 Geschäfte, mehr als 200 Gastronomiebetriebe, neun Hafenbecken für rund 5000 Boote schweißen die Ortsteile Sabbiadoro, Pineta und Riviera zum Inbegriff adriatischer Ferien zusammen, zu Lignano.

Von weitem schon, spätestens auf der ersten Brücke über einen der Entwässerungskanäle, sieht man die Skyline. Hoteltürme, Zeugen jener Zeit, als man zumindest im Tourismus an die möglichen Grenzen des Wachstums nicht glauben wollte. In den 70er-Jahren zählte der

Ort jährlich sechs Millionen Nächtigungen. Nach der offiziellen Statistik hat sich Lignano in den letzten Jahren auf rund vier Millionen Gästenächtigungen und etwas mehr als 500.000 Touristen eingependelt. Auch deshalb, so Ennio Polat, Stadtrat für Tourismus und Sport, "weil wir die Zweitwohnsitzer nun nicht mehr in der Gästestatistik führen". Von den Urlaubsgästen kommen 230.000 aus Italien. Die Österreicher liegen mit 170.000 in der Tabelle der Auslandsgäste an der Spitze, gefolgt von 80.000 Deutschen.

Viel mehr, meint der Stadtrat, sei auch nicht möglich. "Unsere Kapazitäten sind insofern begrenzt, als wir allen unseren Gästen ja auch einen Strandplatz garantieren müssen. Es gibt vonseiten der Stadtverwaltung daher strenge Auflagen, die nur einen ganz begrenzten Ausbau der Hotels erlauben." Das Wachstum soll stattdessen in die zeitliche Breite gehen: "Unser Ziel ist es, die Tourismussaison zu verlängern, das Frühjahr und den Herbst attraktiver zu machen." Deshalb wird in den Golfplatz investiert und in Sportevents wie die Jugendolympiade.

Massimo Brini, als Vizebürgermeister zuständig für Tourismus und Umwelt, geht es vor allem um die infrastrukturelle Kapazität einer Kommune, die Jahr für Jahr von einer bescheidenen Gemeinde zu einer richtiggehenden Großstadt mutiert, mit all den unabwendbaren Folgeerscheinungen. "Wir investieren in die städtischen Dienstleistungen, weil wir unseren Gästen eine saubere Stadt bieten wollen. Die Kläranlage wird gerade vergrößert, die Kanalisation ausgebaut, und wir bemühen uns sehr, die Betriebe zur Mülltrennung anzuhalten." Immerhin grenzt Lignano direkt an das große Vogelschutzgebiet in der Laguna di Marano. Die Stadtverwaltung hat einen umfangreichen Katalog von Umweltauflagen zusammengestellt. "Jeder Betrieb, der unsere Kriterien erfüllt, erhält die grüne Plakette, die ihn als umweltfreundlichen Betrieb auszeichnet."

Der zentrale Ortsteil Lignanos, Pineta, ist das städtebauliche Herzstück der erfundenen Stadt am Rand der Lagune. In einer großzügigen Geste drehte Marcello D'Olivio, dem in Udine noch bis Ende April eine große Schau gewidmet ist, den aus Latisana kommenden Verkehr in eine theatralische Spirale. Die dachte er sich, damals in den Fünfzigern, als Reverenz an die "neue Ästhetik der Zivilisation des Autos". Von der freilich blieb nicht mehr viel. Wenn Ennio Polat sich mit der Zukunft seiner Gemeinde beschäftigt, dann stört diese Zivilisation nur noch. "Am besten wäre es, die Gäste würden nach der Ankunft ihre Autos abstellen und dann mit dem Rad fahren." Das Radeln ist denn auch eines der Themen, auf die Lignano jetzt setzt. Lignanos einzige Partnerstadt ist Eisenstadt, und im Burgenland haben die Italiener das touristische Angebot gerade für Radfahrer eingehend studiert, ein eigenes Radwegenetz ist in Planung.

Jetzt, nach Ostern, beginnt an der Adria die Saison zu laufen. Die ersten Hotels und Restaurants haben schon geöffnet, überall wird gebaut, Straßen werden neu gepflastert, Fassaden frisch renoviert. Vereinzelt sitzen die Gäste schon auf den Terrassen der Restaurants oder flanieren die Strandpromenade entlang, zu deren Neugestaltung Lignano eben zu einem internationalen Architekturwettbewerb geladen hat. Die 6000 Lignanoer sehen dem allem mit großer Gelassenheit zu. Gelassenheit, die aus jahrzehntelanger Erfahrung gewachsen ist. Der Sommer überrascht hier keinen mehr. Arbeitskräfte wandern auf Zeit zu, 20.000 braucht die erfundene Stadt, um ihren Zweck zu erfüllen.

Selbst die junge Salzburgerin, die im Buffet des Tiergartens ihre ersten Saisontage hinter sich bringt, bleibt gelassen. Seit drei Jahren lebe sie hier, im Winter bleibe ihr auch nicht viel mehr als das: leben. Im Winter mutiert Lignano zum geruhsamen Dorf: Ein bisschen Vereinsleben, man sammelt für krebskranke Kinder, städtische Honoratioren verleihen den Ernest-Hemingway-Preis, denn der Dichter war einst auch hier zu Gast. Gerade im Winter merkt man, dass hinter all dem touristischen Aufwand auch eine ganz normale kommunale Infrastruktur steckt: eine Volksschule, ein Gymnasium, Kindergärten, Krabbelstuben und eine Tourismusschule natürlich. Nur ein wenig leer wirkt es dann.

Dass alle jetzt auf eine Saisonverlängerung hinarbeiten, das könnte, hofft der Tourismusstadtrat, auch dazu führen, dass mehr Menschen sich in Lignano ansiedeln. Und was eine belebte Stadt sein kann, so Ennio Polat, "haben wir schon einmal kennen gelernt. So traurig der Anlass auch war. 1976, nach dem großen Erdbeben in Friaul, waren hier 20.000 Menschen untergebracht. Da konnte man sehen, wie eine richtige Stadt sein könnte." Erfüllt. Nicht nur erfunden. (Der Standard, Printausgabe, Vera Sebauer)

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