Fast alle reden von ihm, viele hätten gerne einen höheren. Doch kaum einer weiß, wie er berechnet wird: Die Rede ist vom "Impact Factor" des ISI (Institute for Scientific Information, im Besitz des US-Konzerns Thomson), so etwas wie dem Aktienkurs eines Wissenschaftsjournals.
Er "misst", so wird behauptet, die Resonanz und damit die Qualität eines wissenschaftlichen Journals, somit auch seiner Einzelartikel und Autoren. Daraus leiten viele Unis in Österreich und anderswo das "Gewicht" eines Wissenschafters ab.
Wie definiert das ISI seinen Faktor? Es zählt alle Zitate, die ein Zeitschriftenjahrgang in den ersten zwei Jahren nach Erscheinen in den vom ISI ausgewählten Journalen (einem Bruchteil des weltweiten Outputs an wissenschaftlichen Publikationen) erbringt. Diese Gesamtsumme wird dividiert durch die Zahl der "citable" (zitierfähigen) Artikel - und nur durch die.
Doch daran regt sich Kritik von Wissenschaftsforschern. So werde der Faktor oft nur von jeweils wenigen Star-Artikeln hochgehalten. Die kritischen Stimmen fanden bisher nur geringe Resonanz beim betroffenen Heer der Wissenschafter, deren berufliche Existenz und Projektgelder immer mehr vom Faktor abhängen.
Doch seit es Mächtige traf, tobt die Debatte: Der zentrale wissenschaftliche Artikel des "Human Genome Sequencing Consortium" wurde vom ISI nämlich nicht als "hot paper" eingestuft. So heißen Artikel, die besonders oft zitiert werden. Recherchen von Nature (Vol. 415, S. 101 u. 726) zeigten Fehler und Verzerrungen in den ISI-Prozeduren.
Für Kritik sorgt, dass ISI alle Zitationen eines Journals - ganz egal, worauf sie sich beziehen - einbezieht. Schön ist das für allgemeine Journale wie Science mit vielen "non-citable" Editorials, Briefen, journalistischen Beiträgen. Es ist im Vorteil, weil viele seiner Artikel als nicht zitierfähig gelten und dennoch viele Zitate für die Gesamtsumme einbringen. Das ergibt bei der erwähnten Division auf der Bruchrechnung oben eine große Zahl, aber unten, bei den "citables", eine kleine. Macht einen großen Faktor.
Weiterer Kritikpunkt: Die Begrenzung auf die Resonanz in den ersten zwei Jahren nach Erscheinen begünstigt bewegte Disziplinen wie HIV-, Krebsforschung, Gentechnologie; es bestraft systematisch alle jene Fächer (wie Geschichte), deren Artikel noch nach Jahrzehnten zitiert werden.
Unschärfe kommt in die Faktorberechnung auch dadurch, dass sich die Mitglieder einzelner Forschergruppen gegenseitig zitieren - und das nicht zu knapp. Auch damit lässt sich der Faktor pushen (manche Herausgeber fordern ihre Autoren angeblich sogar dazu auf, möglichst viele journaleigene Artikel zu zitieren).
Keine heilige Kuh
Fazit: Der ISI-Faktor ist bloß ein - willkürlich definiertes - szientometrisches Maß von vielen, und nicht die heilige Kuh, für die er von vielen gehalten wird.
Das zeigt sich darin, dass etwa das Gesamtzitationsvolumen, d.h. die Resonanz eines Journals in absoluten Zahlen, wenig mit dem Faktor zu tun hat. Nach Gesamtzitaten abgeschlagen auf Rang 500 platzierte Publikationen liegen an erster oder zweiter Stelle der Impaktfaktor-Liste. Bei wenigen, aber häufig zitierten Artikeln kann nach der bestehenden Formel von ISI vielmehr herauskommen.
Kritiker fordern daher statt privatwirtschaftlich und US-dominierter Datengrundlage eine weltweit ausgewogene, legitimiert etwa durch eine Selbstkontrolle anerkannter wissenschaftlicher Gesellschaften.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 09.04.2002)
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