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09.04.2002 06:30

Vorbilder in alle Ewigkeit
Eine weniger megalomane Klassik-Ausstellung als üblich in Berlin - 3 Fotos

Im Gropius-Bau wird "Die griechische Klassik - Idee oder Wirklichkeit" ausgestellt - eine von vielen Klassik-Ausstellungen und doch ganz anders: weniger megaloman als in Berlin üblich.

von STANDARD-Mitarbeiter Christian von Kageneck


Berlin - Mit rund 700 Objekten von 175 Leihgebern ist man am unteren Limit, was ein Besucher in rund zwei Stunden verkraften kann. Ähnlich wie Picasso stellt auch die griechische Klassik viele Fragen an das Ausstellungswesen: nach dem Geleisteten oder noch Unentdecktem. Es gibt einfach zu viele davon. Doch hier lernt man ein anderes Griechenland kennen. Eines, das sich immer wieder selbst erneuert und häutet. Klassik ist ein Schlagwort in allen Lebensbereichen, keine Musiksendung kommt ohne sie aus, der "klassische Stil" ist ein fester Begriff in der Gebrauchswelt von Mode und Design. Doch was ist Klassik?

Der Begriff stammt nicht von den Griechen. Der römische Grammatiker Aulus Gellius hat ihn um 170 n. Chr. für eine Zeit um das 5. bis 4. Jhdt. v. Chr geprägt. Wie haben die Griechen ihre Klassiker selbst empfunden? Die Berliner Schau sucht nach einer Antwort, indem sie die Definition auf historische Wahrnehmung, Innovation, Kultur und Leben eingrenzt.

Dichter und Amazonen

Acht Kapitel markieren die Tätigkeitsfelder. Im Lichthof die Großplastiken, die Siegesgöttin Nike von Panorios (im Nachbau) - umkreist von bewegungsaktiven schwarzen Adlern, wie sie der Bühnenbildner Karl-Ernst Hermann in Szene gesetzt hat -, Statuen der Tyrannenmörder aus Neapel und die drei Amazonen aus dem Vatikan.

Darum herum die Schauräume. An den Wänden Friese mit Lehrsprüchen der Meisterdichter und Denker. Da bedankt sich zum Beispiel Pythagoras über drei Dinge: "Ich danke Gott, dass ich kein Tier bin, dass ich keine Frau bin, dass ich ein Mann bin." So viel zur Stellung der Frau in der Klassik.

Wir sehen die Welt im fünften vorchristlichen Jahrhundert mit den Augen jener, die die Griechen nicht kannten. Ein griechischer Bronzekopf aus Zypern oder die griechische Marmorstatue von der Insel Mozia bei Sizilien markieren die westlichen Ränder. Wir bekommen Einblick in das durch den ganzen Mittelmeerraum mäandernde Netzwerk der Kulturen, die Handelskolonien und die immensen griechischen Einflüsse noch auf die kleinsten Stadtstaaten.

Dann die geistige Fortbildung: Tyrannen wurden als vogelfrei erklärt, die Polis als demokratische Staatsform zementiert. Eine andere Sektion macht mit den öffentlichen Monumenten der Demokratie bekannt: Die Heroen des Sports, des Theaters, der Philosophie und der Kunst. Die ersten Porträts von Homer, Themistokles und Perikles, Aristoteles und Platon.

Es gibt besondere Ausdruckskonventionen für Männer, Frauen und Ehepaare. Schön die Statue des Dichters Anakreon, umgeben von Rekonstruktionen der Blütenkränze, die man bei den Symposien im Haar trug.

Wenn der Freiburger Stadtplaner Klaus Humpert gerade ein Buch vorlegt, das die mittelalterliche Planung von Städten wie München oder Freiburg auf das alte griechische Maß des Polyktet zurückführt, so wird man das Kapitel über Maß und Vermessung in Architektur und Skulptur mit besonderem Interesse verfolgen. Hier dargestellt an Beispielen von Modellen der Athener Akropolis, des Mausoleions von Halikarnass oder Werken und Theorien des Bildhauers Polyktet. Daraus bildete sich ein eigener "Kanon", ein Maß von "Akribie", Genauigkeit und floraler Kunstschönheit.

Ein weites Feld

Vom Theater sehen wir Leben und Werk der großen Autoren Sophokles, Aischylos und Euripides (Papyrus-Fragmente der Phoenissen). Mit der Renaissance - der Wiedergeburt der Klassik -, der Romantik und dem Eintritt in die Gegenwart schließt die Schau. Von Dürer über die Nazarener bis Loos und Picasso ist das ein weites Feld, wie Fontane sagen würde. Alle haben aus der Klassik Honig gesogen. Oder es versucht, wie die Nazis.

Der Ruf des alten Berlin als "Spree-Athen" ist Schinkel zu verdanken. Fontane glaubte hier einen Widerspruch zu entdecken. Aber die Klassik ist fester Bestand der Moderne. Das sahen das Bauhaus, Le Corbusier und Mies van der Rohe nicht anders. Oder um es mit Shakespeare zu sagen: "Maß für Maß". Ein Geländer, das über die Zeiten hinweg festen Halt gibt: moralisch, ethisch und ästhetisch.

Bei der Aufstellung des Reliefs des Heroon von Trysa aus dem Kunsthistorischen Museum Wien sind im Gropius-Bau drei Platten zerbrochen worden. Kein gutes Zeugnis für potenzielle Leihgeber.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 09.04.2002)


"Die griechische Klassik - Idee oder Wirklichkeit"
Bis 2.6. in Berlin
danach in der Bundes-Kunsthalle Bonn (vom 12.7.-13.10.)

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