Eine Topografie des Terrors

von Richard Reichensperger  |  08. April 2002, 20:08
  • Artikelbild

    Gefordert ist die Anstrengung des Lesens, der Differenzierung.

  • Artikelbild

Die völlig neu gestaltete Vernichtungskrieg-Ausstellung setzt auf die Kräfte des Sehens, Lesens und Differenzierens

Gegen Polemiken und Pauschalisierungen setzt die völlig neu gestaltete Vernichtungskrieg-Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung auf die Kräfte des Sehens, Lesens und Differenzierens. Jetzt sollte man sie in Wien im Semperdepot ansehen: bevor man gleich eine Meinung dazu äußert.

von Richard Reichensperger


Wien - Es ist eine ganz unaufgeregte Ausstellung. Wie oft die Kinder von ihren Eltern, so ist die zweite Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944 als Kind der ersten "Wehrmachtsausstellung", die 1999 zurückgezogen wurde, von dieser ganz verschieden. Die Ausstellung, die jetzt, nach Berlin und Bielefeld, bis zum 26. 5. im Semperdepot gelandet ist, beweist: Der Apfel fällt doch weit vom Stamm. Manchmal sind Kinder solider als ihre Eltern. Geblieben sind nur leichte Familienähnlichkeiten:

Schon die erste Ausstellung wollte keineswegs über "die" Wehrmacht berichten, sondern über Teile eines Teiles: den "Vernichtungskrieg" in Teilen der Ost- und Südostfront. Schon in der ersten Ausstellung wurden also keineswegs "alle" deutschen und österreichischen Soldaten im Zwangsverband Wehrmacht als Mittäter verunglimpft. Das behauptete die Rezeption, die in polemische Stellungskriege ausartete. Dagegen tritt die zweite "Vernichtungskrieg"-Ausstellung nun an:

Gesetzt wird auf höchste Sachlichkeit und Differenzierung: Da wird die schriftliche Ermahnung von Soldaten gezeigt, die sich der Anordnung, sich die Nahrung auf der besetzten Krim selbst zu organisieren, widersetzen und umgekehrt von ihrer Ration der ausgehungerten Bevölkerung schenken. Es werden aber auch Passfotos einer Russin aus Leningrad gezeigt, nachdem befohlen wurde, die Zivilisten der Stadt "auszuhungern": Das erste Foto von Mai 1941 zeigt eine kräftige Frau; das zweite, ein Jahr danach: ein Gerippe zu Lebzeiten.

Geblieben sind einige Grundthesen, die aber in der Zeitgeschichte schon lange als gesichert gelten: etwa die, dass Morde keineswegs nur von SS-Verbänden erfolgten. Sondern in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht. Und dass der Krieg auf Zivilisten ausgedehnt wurde: "Der Krieg gegen die Sowjetunion unterschied sich von allen Kriegen der europäischen Moderne, auch von denen, die die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges in anderen Ländern führte".

An zwei langen Stellwänden in der Mitte des Saales werden die völker- und kriegsrechtlichen Rahmenbedingungen präsentiert, die Hitler in Komplizenschaft mit dem Oberkommando der Wehrmacht für seinen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juli 1941 bewusst außer Kraft setzte, für einen "Vernichtungskampf", der "keine Frage für Kriegsgerichte" sein dürfe.

Der kriegsrechtliche Schutz feindlicher Soldaten und Zivilisten wurde aufgehoben. Der Begriff "Partisan" wurde ausgedehnt und damit auch Judenerschießungen für die Wehrmachtsangehörigen ermöglicht ("Der Jude ist der Partisan, der Partisan ist der Jude"). Die Ausstellung zeigt diese Art von "totalem Krieg" in sechs Abschnitten ("Ernährungskrieg"; "Pogrome"; "Völkermord an den sowjetischen Juden", etc.): Ohne die Zusammenarbeit mit der Wehrmacht (die für Erfassung und Gettoisierung zuständig war) hätte er so nicht durchgeführt werden können. "Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen": 3,3 Millionen starben in deutscher Gefangenschaft: Gewarnt wurde vor "Humanitätsduselei".

Die Ausstellung entwirft in drei Ebenen eine Topografie des Terrors: Es dominieren Schriftzeugnisse in Augenhöhe (also intellektueller, weniger emotional als die häufigeren Fotos in der ersten Ausstellung); eine Ebene darüber in jedem Abschnitt eine Landkarte; und davor in der Horizontale die Möglichkeit, etwas anzuhören oder anzusehen - auch hier von zwei Seiten her:

Ein Pogrom in Lemberg wird gezeigt in einem deutschen Propagandafilm, wo zu emotionalisierender Originalmusik "GUS-Bestien in Menschengestalt" vorgeführt werden; das gleiche aber auch in einer stummen Amateurfilmaufnahme: Deutsche Soldaten zerren eine Frau an ihren Haaren über den Boden.

Nein, in dieser Ausstellung wird einem nichts geschenkt. Gefordert ist die Anstrengung des Lesens, des Vergleichs, der Differenzierung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 09.04.2002)

"Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungs-krieges 1941-1944"
Bis 26. 5., tgl. 10-18 Uhr
Do bis 21 Uhr
Semperdepot
druckenweitersagen:
posten
»Posting 1 bis 25 von 27
1 2
Hans Müller  
15.04.2002 01:48
Und wer von uns nicht(I)?

Haben nicht nur noch am Leben befindliche Zeitzeugen das Recht, sich dieser Diskussion zu stellen und argumentativ darauf einzugehen?

Wie kann jemand, welcher
·nie die sozialen Umstände der damaligen Zeit am eigenen Leib erfahren hat
·nie die Indoktrinierung der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie verspürt hat
·nie mit diversen Situationen vor Ort während dieses Krieges konfrontiert war
·nie unter Befehlsgewalt stand
·nie unter der Fuchtel machtorientierter Oberbefehlshaber zu gehorchen hatte

sich das Recht herausnehmen, hier ein Urteil zu bilden, bzw. menschliches Verhalten zu bewerten?

Glaubt wirklich jemand ernsthaft, dasz jene Generation von Männern welche damals im Rahmen der dt. Wehrmacht Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen haben unmenschlicher, abgebrühter, oder mehr verbrecherisches Potential in sich trugen, als irgend ein Zeitgenosse welcher sich dieser Tage die Wehrmachtsausstellung ansieht?

Oder verleitet die Ausstellung dazu, den Thesen von Daniel Jonah Goldhagen zu folgen, und es sich bei den Handlungen von Teilen der Wehrmacht um ein dt. Phänomen handelt?

Der NKWD, Teile der Roten Armee, der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, Bürgerkriege in Teilen Afrikas haben bzw. zeigen uns doch, dasz sich Handlungen im Rahmen eines Kriegsgeschehens immer wieder nur wiederholen.

Alex Unger
30.04.2002 12:04
Sie meinen doch....

...dass die Umstände entschuldigen.

Ein Richter muß auch nicht in den gleichen Umständen leben wie ein Angeklagter, um zu urteilen.

Und viele Menschen haben wahrscheinlich verbrecherisches Potential. Wir beurteilen die Taten.


F. T.
10.04.2002 19:05
Meinung

Kann sich jemand vorstellen, daß die Organisatoren der Wehrmachtsausstellung dieselbe Mühe für eine Ausstellung über die Verbrechen an deutschen Soldaten und Zivilisten aufwenden? Ich nicht. Daher sind für mich diese Organisatoren und ihre Ausstellung wegen fehlender neutraler Betrachtungsweise abzulehnen.

Alex Unger
30.04.2002 12:09
davon erzählen die....

...Altvorderen eh genug. Für die Kriegsgeneration waren die "Russen" das Böse, unzivilisierte Untermenschen und sie selber die Guten.
Das relativiert die Wehrmachtsaustellung.

F. T.
30.04.2002 15:43
Antwort

Kommt Ihnen das Reden über das "Böse" und die "Unzivilisierten" nicht bekannt. vor?
Sie müssen gar nicht bis zu Hitlerdeutschland zurückgehen, um auf die gleiche Argumentation zu stoßen. Auch die Kriege der letzten Zeit wurden unter werden von den selbsternannten Heiligen USA und Israel unter demselben Vorwand durchgeführt.

Alex Unger
01.05.2002 13:03
wovon sprechen wir?

schweifen sie nicht ab. Das Thema der Ausstellung sind die Verbrechen der Wehrmacht.
Und diese Ausstellung ist das Gegengewicht zu den Erzählungen und Darstellungen unserer Eltern und Großeltern, die von eigenen Barbareien und Verbrechen geschwiegen haben.

sepp schilehrer
16.04.2002 13:11
wieso?

und was hat das eine mit dem anderen zu tun?

"der x hat einen umgebracht, deshalb darf ich auch?"

immer wieder hört man dieses argument (die amis haben in vietnam ja auch...), aber es ist leider nur zum teil richtig. natürlich gehören auch diese kriegsverbrechen aufgearbeitet - aber man kann doch nicht kriegsverbrechen gegeneinander aufrechnen. obwohl uns die auseinandersetzung mit dem 2. weltkrieg sehr schwer fällt, sind wir aber schon um meilen weiter als beispielsweise die tschechen (sh benes-dekrete) oder die schweizer (sh raubgold).

ich habe die erste whm-ausstellung selber gesehen, und festgestellt, dass sicher die hälfte der ausstellungsbesuchenden kriegsteilnehmer solche sätze gesagt haben, wie "...ja, das habe ich selber gesehen...". diesen aussagen ist wohl nichts mehr hinzuzufügen!

F. T.
16.04.2002 16:49
Antwort

Was sollte an einer Ausstellung des 2. Weltkrieges denn schlecht sein, bei der man auch die Argumente der Wehrmachtsangehörigen berücksichtigt? Wenn Sie weiters meinen, man dürfe nicht gegenseitig aufrechnen, kann ich mich dem überhaupt nicht anschließen. Wirklich verstehen kann man einen Krieg doch nur dann, wenn man auch weiß, was die anderen getan haben.
Ich würde mir z.B. eine Wanderausstellung wünschen, in der die Alliierten jeden einzelnen Bombenangriffs auf eine deutsche oder österreichische Zivilstadt mit Fotos dokumentieren und die Notwendigkeit für die Bombardierung wissenschaftlich begründen. Was wäre denn so schlecht daran? Oder ist so etwas Ihrer Meinung nach keine Ausstellung wert? Wieso gibt eine keine Ausstellungen über die unzähligen Massaker durch Partisanen, denen sowohl deutsche Soldaten, aber auch unzählige Zivilisten zum Opfer fielen. Und die Partisanen waren im Osten allgegenwärtig. Glauben Sie wirklich, daß das Vorgehen der deutschen Wehrmacht gegen Zivilisten nicht auch sehr viel mit den Partisanen zu tun hatte?
Würden Sie lieber den Partisanen in die Hände fallen oder einem deutschen Partisanenbekämpfungskommando?
Würden Sie eher einen Angriff einer deutschen Armee auf ihr Dorf bevorzugen oder lieber ein Abfackeln durch Brandbomben der Alliierten? Ich glaube, man hat jetzt lang genug auf den Deutschen und Österreichern herumgehackt. Jetzt sollte man langsam auch einmal die Verbrechen der anderen aufzeigen.

Alex Unger
30.04.2002 12:13
...nochmal:

wie schon oben gesagt: das braucht uns keine Ausstellung zeigen- davon haben uns unsere Eltern und Großeltern genug erzählt.
Was sie uns verschwiegen haben, wird hier aufgezeigt.

F. T.
30.04.2002 15:59
Antwort

Bitte nicht böse sein. Ich glaube nicht, daß Ihnen Ihre Eltern und Großeltern genug über den Krieg erzählt haben. Wenn doch, kann ich nicht verstehen, wie Sie angesichts der unsäglichen Leiden der Frontsoldaten und der Bevölkerung eine Ausstellung, welche meiner Meinung nur die Aufgabe hat, die eigenen Landsleute als Täter und alle anderen nur als Opfer darzustellen, so super finden. Noch einmal: Ich wäre für eine Gesamtdarstellung aller Kriegsverbrechen. Man sollte auch die Landser über die Kriegsführung der Gegner befragen und Zivilisten aus dieser Zeit über die Bombenangriffe. Finden Sie, daß es darüber schon genug Ausstellungen mit WISSENSCHAFTLICHEN BEWERTUNGEN gegeben hat? Ich nicht.

Alex Unger
01.05.2002 16:28
der Vorzeigekrieg

Leben heißt kämpfen. Wer sich den Gesetzen der Natur nicht fügt, wird untergehen. Das deutsche Volk hat sich (vielleicht ein letztes mal) aufgebäumt gegen seine Auslöschung aus der Geschichte. Die edlen deutschen Menschen mußten (ohne falsche Humanitätsduselei) gegen innere und äußere Feinde vorgehen. Doch gegen die feindliche,verrohte Übermacht hatten auch die tapfersten Krieger letztendlich keine Chance und mußten sich den Barbaren aus dem Osten und ihren Verbündeten aus dem Westen beugen. Nun soll der legitime Kampf um das Fortbestehen der deutschen Rasse und Kultur auch noch als Verbrechen hingestellt werden. So verhöhnen die Sieger die gedemütigten Besiegten.
Wir erleben einen Triumph der zersetzenden Kräfte, den Untergang einer Kultur. Wo bleiben Werte wie Treue, Ehre, Aufrichtigkeit, Pflichterfüllung, Zusammenhalt, Kameradschaft?

Alex Unger
01.05.2002 13:24
...und

sie wissen schon, dass das deutsche Reich einen Angriffskrieg führte?

F. T.
01.05.2002 15:37
Antwort

Sie können sich bei einer Geschichtsbetrachtung, insbesondere wenn dabei auch Gewalttaten zu beurteilen sind, nicht irgend einen beliebigen Brocken heraussuchen und beurteilen. Damit kommen Sie der Wahrheit keinen Schritt näher.
Sie können ja auch nicht die Bombardierungen der deutschen Zivilstädte für sich allein betrachten. Versuchen Sie das einmal. Ebenso würden sich die Partisanen, die im Osten an allen Fronten tagtäglich Überfälle auf Soldaten und Zivilisten durchführten, wohl aufs massivste beschweren, wenn man alle ihre Taten ohne Begründung bzw. ohne Hinweis, was andererseits die deutsche Armee angerichtet hat, in einer Ausstellung darstellen würde. Dasselbe gilt auch für die Rote Armee usw.
Für mich ist völlig klar: Die Organisatoren dieser Ausstellung wollen einfach kein gutes Haar an den deutschen und österreichischen Soldaten lassen. Genau genommen wollen sie auch keines an den deutschen und österreichischen Bevölkerung lassen. Und ich glaube eben nicht, daß unsere Großeltern und Eltern schlechtere Menschen als wir waren.
Letzter Satz: Was glauben Sie, auf wie vielen Kriegsschauplätzen sich deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg befunden haben, wo praktisch überhaupt nichts passiert ist. Welcher Krieg ist für Sie eine Vorzeigekrieg? Vielleicht der Krieg in Vietnam? Der Krieg gegen den Irak? Der Krieg in Afghanistan?

ad vocem
09.04.2002 19:14
Etwas irreführend!

Ich kann die Absichten und Inhalte dieser Ausstellung nur begrüßen!!!

Bei der Wahl des Titels für den Artikel hat sich der Autor aber von einer anderen Seite inspirieren lassen: Topografie des Terrors ist der Name einer pemanenten Ausstellung auf den Ruinen des ehemaligen Gestapo-Gebäudes in der Berliner Wilhelmstrasse, wo auch die SS ihre Zentrale hatte!

Dort entsteht gerade ein Dokumentationszentrum - schon gesehen, sehr empfehlenswert! Infos unter http://www.topographie.de/

Helmut Huber 
10.04.2002 10:09
Ideen wurden & werden doch immer geklaut!

Es kommt nur darauf an, an der richtigen Stelle zuzuschnappen; und das hat Reichensperger getan.

Honni soit qui mal y pense
09.04.2002 13:58
Dem Reinen ist alles rein

Wieder wird jeder Wehrmachtssoldat potentiell angeklagt, wenn auch heimtueckischer.

In jeder Diktatur erhalten Soldaten solche Befehle, andere wiederum sind machtlos etwas zu tun. Dabei spielt es keine Rolle, ob Soldat der Wehrmacht oder Roten Armee (Russlands oder Chinas), oder in den vielen lateinamerikanischen Diktaturen der 1960er und 70er Jahre. Es gaebe viel ueber Voelkermord in der Modernen zu zeigen. Aber nur Deutsche bzw. Deutschoesterreicher machen solche Austellungen ueber ihre Grossvaeter? Welcher Zweck wird damit verfolgt?

Alexander Hödlmoser 
10.04.2002 18:05

Wann, wenn nicht jetzt?
wo wenn nicht hier?

Spaceman Spiff
09.04.2002 18:02
Ein Grund

Ein Grund ist den Menschen zu zeigen, dass ein Befehlsempfänger auch Nein sagen kann und manchmal auch Nein sagen muss. Meistens steht er damit nicht alleine da. Die Ausstellung zeigt was passiert wenn alle zum falschen Zeitpunkt nur noch Ja sagen.

Hans Müller  
15.04.2002 01:42
Und wie sieht es mit Dir aus?

Und Du hättest den Mut gehabt NEIN zu sagen?

Rosa Rot
09.04.2002 17:03

Welcher Zweck damit verfolgt wird? Irgend etwas muß "man (?)" sich doch einfallen lassen, um wachsendes Selbstwertgefühl im Keim zu ersticken.

Christian Kurz
09.04.2002 16:48

auch auf die gefahr hin einem unverbesserlichen zu antworten: dass es irgendwo auf dieser welt auch massenmorde im auftrag eines regimes gibt oder gab entledigt uns nicht der verantwortung über unsere jüngere vergangenheit zu reflektieren. verstehens mich richtig: mit der gleichen begründung könnten wir die medzinische forschung einstellen oder 20% des BIP für rüstung ausgeben.

Tom Binder
09.04.2002 15:54
Das stimmt aber nicht...

... denn sogar in Kambodia, wo die Menschen wirklich andere Sorgen hätten, gibt es Ausstellungen und Dokumentationen über die Schreckensherrschaft der Roten Khmer. Auch in den USA kann man sich ausgiebig über den Völkermord an den Ureinwohnern, die Greuel des Bürgerkrieges auf beiden Seiten oder über Kriegsverbrechen in Vietnam informieren.

Ich denke, der Sinn dieser Austellungen ist es nicht, uns allen ein schlechtes Gewissen zu machen - wofür auch, wir sind nicht für die Taten unserer Vorfahren verantwortlich. Vielmehr sollte uns bewußt werden, daß nicht eine Handvoll abartiger Nazis die Bevölkerung gezwungen hat, derartige Verbrechen zu begehen, sondern daß so was nur möglich war, weil zu viele dabei mitgemacht haben. Das erschreckenste ist doch, daß plötzlich 'normale Menschen', einfache Soldaten und Offiziere, bereit waren, Frauen und Kinder umzubringen oder Dörfer niederzubrennen.

Das macht deutlich, wie schmal der Grat zwischen Vernunft und Wahnsinn ist, auf dem wir uns bewegen. Es wäre einfach, könnte man die Schuld an diesen Katastrophen bei wenigen, 'generisch bösen' Menschen festmachen. Leider ist es - damals wie heute - nicht so einfach. Unter bestimmten Umständen kann beinahe jeder zum Mörder und Verbrecher werden. Und das ist die wichtige Botschaft, die uns diese Ausstellung vermitteln soll.

Helmut Huber 
10.04.2002 09:02
Sehr genau beobachtet!

Es hätte für die Qualifizierung der Wehrmacht als "Mordorganisation" alleine schon die Behandlung der russischen Kriegsgefangenen genügt, die darauf angelegt war, möglichst viele davon umzubringen (nicht nur durch Verbringung in KZs, sondern bereits, als sie noch der "Obhut" der Armee unterstanden), im Sinne der Entvölkerung des Ostens, um neuen Siedlungsraum für edles deutsches Blut zu schaffen.

Diese Erkenntnis denunziert beileibe nicht jeden einzelnen Soldaten als Mörder, wie das Otto Keimel wie üblich laut keifend in der vorgestrigen ZiB3 behauptete - aber die Überlegung, daß jeder, der (wie einmal ein ehem. Soldat in arte sagte) "auch nur die Truppe mit Kartoffelschälen versorgen half" damit auch der Aufrechterhaltung der Kampffähigkeit diente und damit mittelbar auch Lager wie Auschwitz am Bestehen und Funktionieren hielt, ist ganz einfach eine logische Kette, die sich mit vernünftigen Argumenten nicht abzwicken läßt.
Und damit ist eine - im Einzelfall äußerst schwer abzuschätzende - Verantwortlichkeit verbunden (Informations- und Bildungsgrad z. B. als wesentliche Einflüsse), der sich die Betroffenen und ihre Nachkommen nicht entziehen können.

Daraus eine "Erbschuld" abzuleiten, ist ebensolcher Quatsch wie jegliche Kollektivschuldbehauptung.
Aus Wissen resultierende Wachsamkeit aber ist Bürgerpflicht.

Roter Baron Infos zum Powerposten
09.04.2002 13:56
quatsch

wozu differenzieren ?
mehr als 33 prozent der deutschen haben hitler gewählt.
gemordet hat jeder soldat !
oder differenzieren wir jetzt zwischen guten mördern und schlechten ???

so ein quatsch !

die einzige zulässige differenzierung lautet
gute und böse deutsche
die guten sind die, die ausgewandert sind.

und wie der erneute rummel, kaum ist sie wiedereröffnet, zeigt:
entnazifizierung jetzt !

Das Rotkaeppchen
11.04.2002 17:00
Sollten Sie Satire versucht haben,

sagen Sie es schnell.
Derzeit beleidigen SIE nämlich das Andenken von Toten.
(Und ehe jetzt Zuspruch aus der Sektion Simmering/Favoriten kommt: Die Ausstellung ist notwendig, so lange es noch Typen gibt, die dagegen demonstrieren!)

Aber, bester Baron:
Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf (stellvertretend für manche anderen), werden Ihnen über ihren Tod unter dem Fallbeil hinaus dankbar sein, dass sie als "gute Mörder" und "schlechte Deutsche" gelten dürfen.

Also nehmen Sie zuerst ein Mittelchen gegen Gallenkoliken und dann versuchen Sie es noch einmal.

posten
»Posting 1 bis 25 von 27

Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.