Teilrepublik in Titos Jugoslawien

20. Oktober 2003, 12:35
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Tito nutzte den Sieg über Hitler zur revolutionären Umgestaltung der jugoslawischen Gesellschaft. In der nun gebildeten Föderation waren die Teilrepubliken formal gleichberechtigt - unter der Fuchtel der KP.

Am 29. November 1945 wurde das Königreich Jugoslawien durch ein "Demokratisches Föderatives Jugoslawien" abgelöst, das in der Folge den offiziellen Namen "Föderative Volksrepublik Jugoslawien" (FNRJ) bekam. Slowenien wurde eine der sechs Teilrepubliken des neuen Bundesstaates. Der Zentralismus des alten Jugoslawien wurde durch die zentrale Rolle der Kommunistischen Partei ersetzt. Wenn auch die KPJ (später "Bund der Kommunisten") ebenso wie der Staat föderalistisch gegliedert war, so war doch die diktatorische Lenkung des Gesamtstaates durch Tito und seine Parteiführung entscheidend.

Formal freilich wurde durch die neue Gliederung des Staates den historischen und ethnischen Gegebenheiten Rechnung getragen. Die revolutionäre Umgestaltung von Staat und Gesellschaft erfolgte in den ersten Jahren mit nacktem Terror. In Slowenien betraf er nicht nur die Domobranci und andere zu Recht oder Unrecht der Kollaboration beschuldigte Personen; auch ein möglicher antikommunistischer Untergrund sollte von vornherein liquidiert werden. Das ging Hand in Hand mit der Beseitigung oder Ausschaltung von adeligen Familien, Privatunternehmern und reichen Bauern und mit einer Kampfansage an die katholische Kirche in Slowenien und Kroatien.

Eine neue Welle der Verfolgung betraf dann, nach dem Bruch Titos mit Stalin, die der Hörigkeit für den Kreml Verdächtigten in den eigenen Reihen der KP. Dieser Konflikt mit Moskau ließ den Westen sehr rasch übersehen, dass es auch im Tito-Staat Arbeitslager, die für viele zu Todeslagern wurden, Schauprozesse und Hinrichtungen, Gleichschaltung, Zensur, politische Polizei und Bespitzelung gab. In Slowenien erlebte die Verzerrung des Rechtssystems einen Tiefpunkt in den so genannten Dachauer Prozessen, die sich gegen Personen richteten, die von den Deutschen in das KZ Dachau gebracht worden waren und denen nun vorgeworfen wurde, sie seien zu Spitzeln der Gestapo geworden. 34 Personen wurden verurteilt, einige sogar hingerichtet. Erst 1988 erfolgte ihre Rehabilitierung.

Der Bruch mit Stalin führte immerhin bald zum Abgehen von sowjetischen Modellen, wie sie in anderen Volksdemokratien durchgepeitscht wurden; so wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft schon 1953 abgebrochen. Belgrad suchte einen "eigenen Weg" zur Verwirklichung des Sozialismus. Aus der Volksrepublik wurde die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien. Ein slowenischer Politiker spielte bei den Reformen, die beschritten wurden, eine ganz hervorragende Rolle: Edvard Kardelj. Unter der Königsdiktatur in Haft, dann in Moskau, 1940 als enger Mitarbeiter Titos im Politbüro der KP, hatte er in Slowenien den Widerstand gegen die Besatzer organisiert. Auf dem Höhepunkt des Konflikts mit Stalin Jugoslawiens Außenminister, stand er in vorderster Front der Behauptung des "jugoslawischen Weges".

Als führender Theoretiker der Partei entwickelte er Anfang der sechziger Jahre das System der Arbeiterselbstverwaltung, dessen Strukturen nach den Betrieben auf viele Bereiche der Gesellschaft übertragen wurden. Aufwendig bürokratisch und politisch gegängelt, konnte auch die "sozialistische Marktwirtschaft" letztlich nichts an dem wirtschaftlichen Gefälle ändern, das zwischen den einzelnen Teilrepubliken bestand: Das Bruttosozialprodukt war im sich industriell gut entwickelnden Slowenien ungefähr doppelt so hoch wie im jugoslawischen Durchschnitt.

Die Slowenen fühlten sich zunehmend um die Früchte ihrer Arbeit, ihres Fleißes, ihrer Bildung betrogen, weil ihre Republik als permanent gebende fungieren musste. Damit wuchs das Bewusstsein für die Eigenständigkeit des Slowenentums, das sich nicht mehr auf Kultur und Folklore beschränkt sehen wollte, sondern auch die Bevormundung durch Belgrad mit kritischeren Augen zu sehen begann. Der wirtschaftliche Verteilungskampf führte 1969 zu einem massiven Protest der slowenischen Landesregierung, da die Bundesregierung Kreditwünsche für den Ausbau der internationalen Straßenverbindung Sentilj­Nova Gorica abgelehnt hatte. Das war das erste Mal, dass nicht Studenten oder Intellektuelle, sondern eine Teilrepublik fast geschlossen gegen die Zentrale rebellierte.

In den letzten Jahren vor seinem Tod (1980) hatte Tito versucht, ein politisches System zu installieren, das den Zusammenhalt Jugoslawiens nach seinem Ableben sichern sollte. An die Stelle des allmächtigen "Übervaters", wie er sie ausgefüllt hatte, sollte die kollektive Verantwortung und die Rotation der Spitzenpositionen - allen voran im Präsidium, dem höchsten Staatsorgan - treten. In diesem saß jeweils ein Repräsentant der sechs Teilrepubliken und der zwei Autonomen Provinzen (Kosovo und Vojvodina). Gleichstellung der Nationen und Vetorecht der Republiken und Autonomen Provinzen sollten das politische Gleichgewicht sichern.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 06./07.04.2002)

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