Ziersingvögelchen im Ehestandsbunker

9. Juni 2002, 20:24
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Martin Crimps "Auf dem Land" im Akademietheater

Wien - Das Glück einer in die Jahre gekommenen Ehe gedeiht auf dem Boden der Schuld: Es ist das zähnefletschende Glück der Gewöhnung, das untergründig vom Unglück zehrt, das die Vertragspartner einander lebenslänglich bereiten.

Dieser Lebensvertrag, der primär auf dem wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge gründet, gilt einer bürgerlichen Usance zufolge als unverbrüchlich. Allein der absoluten Geltung wegen, die der Vertrag beansprucht, konnten Ibsen oder Strindberg an ihren Ehehöllen basteln; sie ließen ihre ermüdeten Ehesingvögel, jeden aus seinem Schmor- und Schmoll-winkel heraus, einander an-krähen.

Es sind die Jahre der Sitzkrieger in ihren Stillstandswinkeln. Während man also den britischen Dramatiker Martin Crimp für sein Stück Auf dem Land noch den Fall-und Fachberatern zuschlägt, den einschlägigen Zweisamkeitsforschern mit ihren Vertragseinklagungen, macht sich sein merkwürdiger, im besten Sinne leerer Text schon wieder auf und davon.

Denn Auf dem Land, das erweist selbst noch die unsensible, dafür treuherzige und geschwätzige Erstaufführung im Wiener Akademietheater, ist nicht zu fassen - weswegen die Unsitte, den Analytiker Crimp den angelsächsischen Blut-und-Hoden-Synthetikern zuzuschlagen, ausgesprochen wenig Sinn ergibt.

Doch wo säße der Sinn; und warum will ihn Jungregisseur Roman Kummer unbedingt mit Händen greifen, wo er doch dem Zugriff beständig entschlüpft? In einer bleistiftgrauen Bunker-Zisterne mit Lichtscharte und phallischem Ofenrohr, die Ilona Glöckel gebaut hat, schlägt sich das Ehepaar Corinne (Regina Fritsch) und Richard (Joseph Lorenz) die Verdachtsmomente reihenweise um die Ohren.

Er, ein morphinistischer Landarzt mit kleinen, stierenden Drogen-Blackouts, muss seiner tapfer verhärmten, fotoschnipselnden Frau den Umstand erklären, warum er eine schöne, junge Unbekannte von der Straße aufgelesen hat. Im Anspruch Rebeccas, die später dann mit viel gesundem Powackeln und burschikosem Gör-Gehabe die Bühne stürmt (Johanna Eiworth), um gegenüber der pikierten Ehefrau ihr Besitzrecht einzuklagen, liegt die Gefahr des Begehrens: Erstens wird der Betrugsverdacht zwischen den Ehepartnern nie wieder erlöschen; zum zweiten aber ist es gerade der wechselseitige Verdacht, der die Zukunft der Ehe besichert: ein Zeichenverwirrspiel.

Im Akademietheater wird mit vielen falschen Schnitzler-Tönen der peniblen Versuchsanordnung der Garaus gemacht. Den Unterschied zu Luc Bondys krähenschwarzer Zürcher Deutung - den möchte man totentanzen können.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7. 4. 2002)

Von
Ronald Pohl

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