"Amores Perros": Tiere im Zwinger der Großstadt

27. Juli 2004, 17:15
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Alejandro González Iñárritu erzählt drei Episoden aus der Gegenwart von Mexiko-Stadt

Wien - Hundekämpfe sind in Mexiko-Stadt, der größten Metropole der Welt, nahe an der Allegorie. Das eine Tier beißt das andere tot, und dabei werden ein Besitzer und ein paar Wettkumpane schnell reich. Für den jugendlichen Octavio (Gael García Bernal), der die Frau seines Bruders begehrt, ist sein Kampfhund eine Aktie - ein Versprechen, der Armut zu entkommen.

Der eigentliche Kulminationspunkt von Amores Perros, dem Debüt des Mexikaners Alejandro Gonzáles Iñárritu, ist schon sein Anfang: eine rasante Autoverfolgungsjagd, hektisch geschnitten, von der Peripherie bis nach Downtown. Zwei Burschen - einer der beiden versorgt notdürftig einen verblutenden Hund am Rücksitz - stoßen mit einer Limousine zusammen. Später wird ein Obdachloser die Unfallszene betreten und das Tier in seine Obhut nehmen.

Drei exemplarische Geschichten verknüpft Iñárritu an dieser Kreuzung, die in drei unterschiedliche Milieus der Großstadt vordringen und damit - über diese bloße Koinzidenz hinaus - einen größeren Zusammenhang behaupten, etwa der Auswirkungen des örtlichen Nebeneinanders von Erster und Dritter Welt. Leitmotiv bleibt dabei die Beziehung des Menschen zum Hund: Die Besetzungen und Funktionen, die dieser erfährt, spiegeln soziale und ökonomische Lagen ihre Besitzer wieder.

Die einzelnen, zeitlich überlappenden Episoden rollt Iñárritu lose ineinander verkeilt auf, darüber hinaus variiert er verschiedene Stile. Am eindringlichsten, in grobkörnigen Bildern, die Handkamera den Körpern der Figuren folgend, gerät der erste Teil, Octavios Aufstand gegen die familiären Verhältnisse, der ganz an einer konkreten Wirklichkeit orientiert bleibt. Jede Aktion, sei sie noch so gewaltvoll, ist hier noch Effekt einer unliebsamen Umwelt.

Foto: Polyfilm

Diesen schonungslosen Blick verlagert Amores Perros in den folgenden Episoden jedoch mehr ins Allegorische. Das Starmodel, das durch den Unfall ein Bein verliert, sieht durchs Fenster ihrer schicken Wohnung immer noch das Plakat, auf dem sie unversehrt ist. Als ihr Pekinese dann durch ein Loch im Parkettboden verschwindet, wirkt die Metapher von der Doppelbödigkeit, die sich hinter Neureichen-Kulissen auftut, schon ein wenig platt.

Die Vergangenheit wirkt schließlich auch im letzten Teil nach, wenn der Obdachlose, einst politischer Aktivist, nun als Auftragsmörder kontaktiert wird. Es ist zugleich die moralischste Geschichte des Films: Derjenige, der sich am weitesten von der Gesellschaft isoliert hat und in einer Baracke mit streunenden Hunden haust, wird gerade durch seine Tierliebe nochmals bekehrt - und lässt dafür seine Opfer wie an der Leine zerrende Bestien zurück.

Ohne Scheu vor Größe

Seit seiner viel beachteten Uraufführung in Cannes vor mittlerweile zwei Jahren hat sich an Amores Perros ein ganzer Schweif an Kritikerhymnen geheftet. Womöglich rührt die Begeisterung daher, dass Iñárritu aufgrund seiner stilistischen Wendigkeit für jeden Geschmack etwas bereithält. Weil er mit seinem Stadttriptychon ein Vakuum füllt, wenn er von einer realen Gegenwart erzählt, ohne den großen Gestus zu scheuen.

Foto: Polyfilm

Amores Perros ist dabei weniger Autorenfilm als dessen Arthouse-Variante, "gesellschaftskritisch" wie Steven Soderberghs Drogenpanorama Traffic. Beide nähern sich einem unüberschaubarem Feld über fragmentarische Ausschnitte, wechseln ständig Tonlagen und suchen Grenzen zu überwinden, bedürfen aber auch erzählerischer Krücken, um eine Form von Geschlossenheit zu simulieren - und wenn es über einen Hund geschieht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 4. 2002)

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