Schusswechsel vor Arafats Bürotrakt

31. März 2002, 12:53
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Palästinenser sprechen von Erstürmung des Gebäudes - Israel dementiert - Ausgehverbot in Ramallah

Ramallah - Vor dem Bürogebäude des palästinensischen Präsidenten Yasser Arafat in Ramallah ist es am Sonntag zu einem Schusswechsel zwischen palästinensischen Sicherheitskräften und israelischen Soldaten gekommen. Nach palästinensischen Angaben stürmte die Armee das Haus, Israel wies diese Darstellung jedoch zurück. Außenminister Shimon Peres bekräftigte, Arafat solle kein Schaden zugefügt werden. Das israelische Kabinett wollte noch am Sonntag über die nächsten Schritte der Militäroffensive beraten.

Israel wolle keinen Krieg, sagte Peres im israelischen Radio. "Wir wollen nicht die ganze Welt gegen uns aufbringen." Aus israelischen Regierungskreisen verlautete, es bestehe der Verdacht, dass Arafat mehreren gesuchten Extremisten Unterschlupf gewähre, unter anderem den Mördern des israelischen Tourismusministers Rehavam Zeevi.

Über Ramallah verhängte die israelische Armee am Sonntag ein striktes Ausgehverbot. "Vor meiner Tür stehen sechs Panzer", sagte der stellvertretende palästinensische Parlamentspräsident, Ghazi Hanania, im Norddeutschen Rundfunk. "Wir in Ramallah sind zu 60 Prozent Christen. Wir haben Weihnachten hinter geschlossenen Türen verbracht und jetzt auch Ostern", sagte Hanania.

Soldaten zogen auf der Suche nach mutmaßlichen Extremisten von Haus zu Haus. Auch die Büros einer führenden palästinensischen Menschenrechtsorganisation wurden durchsucht, wie die Direktorin der Gruppe El Hak, Randa Siniora, mitteilte.

Fatah-Funktionär gesucht

Die Armee fahnde nach dem Fatah-Funktionär Marwan Barghuthi, hieß es in Sicherheitskreisen weiter. Zuvor hatte Barghuthis Frau berichtet, israelische Soldaten seien in das Haus seiner Eltern im Ort Kobar gekommen und hätten die ganze Familie befragt, wo er sich aufhalte. Barghuthi ist ein ranghoher Funktionär in Arafats Fatah-Organisation. Israel wirft ihm vor, ein Drahtzieher palästinensischer Anschläge zu sein, was er zurückgewiesen hat.

Arafats Hauptquartier in Ramallah befindet sich seit Freitag unter israelischer Kontrolle - mit Ausnahme des Bürotraktes, in dem er und seine Berater sich verschanzt halten.

Der palästinensische Informationsminister Yasser Abed Rabbo sagte, am Sonntagmorgen hätten israelische Soldaten das Feuer eröffnet und das Gebäude gestürmt, seien aber von Arafats Wachen zurückgedrängt worden. Dabei seien mehrere palästinensische Sicherheitskräfte verletzt worden. Nach israelischer Darstellung kam es zu dem Schusswechsel, nachdem ein bewaffneter Mann das Bürogebäude verlassen habe. Die Soldaten hätten den Trakt aber nicht betreten. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP berichtete nach einem Telefonat mit einem Mitarbeiter Arafats von heftigem Geschützfeuer.

Der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon berief sein Kabinett ein, das noch am Sonntag über das weitere Vorgehen gegen die Palästinenser entscheiden sollte. Am Samstagabend hatte sich ein Palästinenser in einem Cafe in Tel Aviv in die Luft gesprengt und mindestens 32 Menschen verletzt. Zu dem Anschlag bekannten sich die Al-Aksa-Brigaden, die Arafats Fatah-Bewegung nahe stehen. Das Büro von Ministerpräsident Ariel Sharon verurteilte den Anschlag als "Fortsetzung der Mordkampagne" gegen Israelis.

Der israelische UNO-Botschafter Yehuda Lankri erklärte unterdessen, trotz einer entsprechenden Resolution des UNO-Sicherheitsrats müsse sich Israel nicht sofort aus den palästinensischen Autonomiegebieten zurückziehen. "Die Resolution fordert einen Rückzug der israelischen Truppen, aber sie besagt nicht, wann genau das geschehen soll", sagte Lankri dem israelischen Armeeradio. (APA/Reuters)

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