Beckstein: Milli Görüs will mit islamischer Partei Einfluss gewinnen

30. März 2002, 13:30
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Einbürgerungskampagne gestartet?

München - Die islamische fundamentalistische Organisation Milli Görüs ("Nationale Weitsicht") will nach Erkenntnissen des deutschen Verfassungsschutzes über die Gründung einer religiösen Partei politischen Einfluss in Deutschland gewinnen. Die in Köln ansässige Führung von Milli Görüs habe eine Einbürgerungskampagne unter den deutschlandweit etwa 27 000 Anhängern gestartet, sagte Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) in einem dpa-Gespräch. "Außerdem werden die Leute aufgerufen, ihre Partner in der Türkei zu suchen und nach Deutschland zu holen."

Gewaltbereit sei Milli Görüs nach derzeitigem Stand nicht, sagte Beckstein. "Es handelt sich um eine fundamentalistische, aber bisher friedliche Organisation." Laut Verfassungsschutz strebt Milli Görüs einen religiösen Staat an. Die Mutter-Organisation - die frühere Wohlfahrtspartei (RP) von Ex-Premier Necmettin Erbakan - ist in der Türkei verboten. (Erbakan hatte Anfang der fünfziger Jahre in Deutschland studiert und als Diplomingenieur für das Maschinenbauunternehmen "Deutz" gearbeitet). "Die türkische Regierung versucht immer wieder, beim Bund auf ein Verbot in Deutschland hinzuwirken", sagte Beckstein. Die Vorstellungen von Milli Görüs seien nicht vereinbar mit der Wertordnung des Grundgesetzes. "Wenn wir wissen, dass jemand ein Funktionär bei Milli Görüs ist, wird er nicht eingebürgert." Auch kleine Organisationen wie Milli Görüs könnten einen ganz erheblichen politischen Einfluss entfalten. Es gebe keine Zahlen, wie viele Milli-Görüs-Mitglieder bundesweit bereits eingebürgert seien.

Beckstein sieht jedoch auch bei Milli Görüs eine erhebliche Spannweite von Fundamentalisten und Gemäßigten: "Der Islam ist nicht so organisatorisch verfestigt wie etwa katholische oder evangelische Kirche. In den Moscheen sind ganz unterschiedliche Richtungen aktiv." Milli Görüs sei in der Kinder- und Jugendarbeit sehr aktiv, die Aktivitäten reichten vom Koran-Unterricht bis zu Billard. Das sei zwar besser, als wenn die Jugendlichen auf der Straße herumlungerten. "Ich halte das aber für einen Ausdruck des Integrationsproblems. Ich hätte es lieber, wenn die Jugendlichen in deutschen Gruppen und Vereinen mitmachten und sich dort integrierten, zumal Milli Görüs diese Jugendlichen auch zur einseitigen politischen und religiösen Unterweisung nutzt", sagte Beckstein. (APA/dpa)

  • Das Logo der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs
    grafik: www.igmg.de

    Das Logo der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs

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