Massive staatliche Eingriffe

29. März 2002, 23:39
posten

Die Fotosammlung Jammes wurde bei Sotheby's in Paris versteigert

Die Fotosammlung des Pariser Antiquarsehepaars André und Marie-Thérèse Jammes wurde am 21./22. März bei Sotheby's in Paris für 11.814.210 Euro versteigert. Amerikanische Händler und Sammler waren die Hauptkäufer. Von den 560 angebotenen Losen mit Abzügen und Negativen des goldenen Zeitalters der Fotografie, beginnend mit dem ersten bekannten fotografischen Dokument von Nicéphore Niépce aus dem Jahre 1825, über den Schwerpunkt der Sammlung, der in den Jahren 1840-1860 lag, bis zu einem Album von Robert Doisneau von 1953, wurden 481 Lose verkauft.

Die 79 Rückgänge waren in erster Linie auf eine französische Kulturgut-Schutzmaßnahme zurückzuführen: Der Staat belegte 13 Lose mit einem Ausfuhrverbot. Zusätzlich kauften die zahlreich im Saal anwesenden Kuratoren, Museumsdirektoren und Vertreter des Kulturministerium neunzehn Mal per Vorkaufsrecht. D.h., sobald ein Los zugeschlagen war, meldete sich eine zarte Stimme, um dem Bieter das Los zum Endpreis wegzuschnappen. Der französische Handel und Sotheby's zeigten sich über dieses massive staatliche Eingreifen bei der ersten großen Fotoauktion in Frankreich ziemlich verärgert, wogegen die Amerikaner mit Phlegma oder mit Zustimmung reagierten. Michael Sachs, der seine Sammlung dem Tel Aviv Museum übergeben wird, fand es gut, dass "diese wichtigen Dokumente der französischen Fotogeschichte im Ursprungsland bleiben".

Der Auktion ging eine Polemik voraus, da André Jammes dem Musée d'Orsay bereits vor sieben Jahren seinen Fonds Charles Nègre für ursprünglich zirka 2,3 Millionen Euro angeboten hatte. Da der Staat sich nicht zum globalen Ankauf der 292 Lose des Fonds entschließen konnte, gab der Antiquar auch dieses Ensemble zur Versteigerung. Es spielte 6,82 Millionen Euro ein. Charles Nègre erhielt so eine zusätzliche ästhetische und preisliche Anerkennung, ebenso wie seine Kollegen Edouard Baldus, Henri Le Secq, Victor Regnault und Charles Marville.

Der Star der ersten Jammes-Auktion (1999 in London, damals 11,58 Millionen Euro), Gustave Le Gray, dessen Grosse Welle immer noch den Weltrekordpreis von 507.500 Euro hält, war diesmal weniger begehrt als seine Zeitgenossen. Zum Spitzenlos wurde das kleine Blatt von Niépce von 1825. Die Bibliothèque nationale de France übernahm - per Vorkaufsrecht - dieses mit Ausfuhrverbot belegte Los gegen einen Telefonbieter für 500.750 Euro. Ein weiteres Starlos, das 1853 von Charles Nègre in den luftigen Höhen von Notre Dame aufgenommene Porträt des Henri Le Secq neben einem Fantasie-Vampir, Le Stryge, wurde vom Musée d'Orsay - ebenfalls per Vorkaufsrecht - für 313.500 Euro angekauft. Zwei der Spitzenlose von Nègre blieben wegen des Ausfuhrverbotes unverkauft, da sich kein Käufer meldete. Auch der Staat konnte sie nicht erwerben, da er entweder mitbieten oder zum Zuschlagspreis kaufen muss. Ein perverser Effekt der Kulturschutzmassnahmen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.3. / 1.4. 2002)

Von
Olga Grimm-Weissert

Share if you care.