Austritte haben den Finanzen zugesetzt

31. März 2002, 16:29
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Während der Vatikan Milliarden gescheffelt hat, haben Kirchenaustritte zu schweren Problemen in der österreichischen Kirche geführt

Im Vatikan hat man durch die Turbulenzen auf den internationalen Kapitalmärkten im Jahr 1999 offiziell zehn Millionen Euro verloren, und in Finanzkreisen wird gemunkelt, dass es 2001 noch einmal so viel gewesen sein dürften. Größere Verluste seien dadurch verhindert worden, dass der Vatikan traditionell anlegt und daher im E-Commerce oder in der Telekommunikationsbranche faktisch nicht vertreten ist.

Während im Jahr 1998 der Überschuss der Vatikan-Finanzen trotz der Nachwehen der Skandale um den Kapital-Kardinal Marcinkus und den katholischen Bankier Calvi in den 80er-Jahren bereits wieder auf über 20 Millionen Euro gestiegen waren. Obwohl im Heiligen Jahr rund drei bis vier Milliarden Euro zusätzlich in die Kassen des Papstes geflossen sind, ist der Überschuss geringer gewesen. Er kam bei 9,5 Millionen Euro zum Liegen.

Kirchensteuer

In Österreich bestreiten die Diözesen ihre Ausgaben zu über 80 Prozent aus den Kirchensteuereinkünften. Insgesamt waren 1999 4,3 Milliarden Schilling aufgebracht worden. Wien (mit Teilen Nie- derösterreichs) lag mit 1,2 Milliarden an der Spitze, Vorarlberg war mit 182 Millionen Schlusslicht. Im Jahr 2000 konnte das Ländle das Burgenland wieder überholen und auf über 200 Millionen zulegen. Durch die Kirchenaustritte (sie pendeln seit rund zehn Jahren zwischen 35.000 und 45.000) gehen den Diözesen insgesamt bis zu zehn Millionen Euro jährlich verloren. Das heißt: Im Vergleich zum Anfang der 90er-Jahre steht heute unter Einrechnung gestiegener Einkommen und effizienterer Eintreibung rund eine Milliarde Schilling weniger zur Verfügung.

Wegen ihres Waldbesitzes konnten einzelne Diözesen in Zeiten guter Preise Finanzlücken ausgleichen. So liegt die Diözese Gurk im Ranking der größten Waldbesitzer Österreichs an 16. Stelle - knapp hinter dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz. Heute ist das anders. Sparen ist angesagt.

Zwei Maßnahmen stehen im Vordergrund: 1. Eine Refundierung der Mehrwertsteuer für Arbeiten an denkmalgeschützten Bauten. Dazu eine Zahl aus der Steiermark: 30 Millionen Schilling kosteten diese Arbeiten im Jahr 2000, aber nur vier Millionen bekam man vom Staats aus Denkmalmitteln wieder zurück. 2. Die Personalkosten der Diözesen sollen mittelfristig auf 55 Prozent der Gesamtbudgets beschränkt werden. Die Gehälter der Priester beispielsweise können kaum noch gesenkt werden, sie liegen ohnehin unter den österreichischen Durchschnittseinkommen. Allein der Religionsunterricht bietet dem Klerus mehr finanzielle Möglichkeiten. 3. Nachgedacht wird auch über eine Reduzierung der kirchlichen Medien. Nicht zuletzt soll die Nachrichtenagentur Kathpress gestrafft werden. Ebenso geht es den Zeitschriften der Erzdiözese Wien an den Kragen. Vielleicht auch deshalb, weil man glaubt, durch das Auftreten des Kardinals als Kolumnist der Kronen Zeitung erhebliche Mittel einzusparen.

Klösterreich

Bei der Suche nach neuen Einkommensquellen waren die Klöster findiger. Sie treten heute nicht nur als Eigentümer von Käsereien und Brauereien, als Grund- und Immobilienbesitzer auf. Immerhin gehören jedem größeren Stift mehrere Häuser in der Wiener Innenstadt. Unter dem rührigen Abt des niederösterreichischen Stifts Geras, Joachim Angerer, ist es gelungen, eine Reihe von Klöstern über eine Privatstiftung zu einem kirchlichen Konzern umzumodeln. Die Marke heißt "Klösterreich", und die Zahl der Mitglieder nähert sich zwei Dutzend. Die Struktur gehorcht modernen ökonomischen Gesichtspunkten, vom Marketing könnte sich die Bischofskonferenz einiges abschauen.

Spitalserhalter

Neben der Caritas, die ein ansehnliches Budget für die Sanierung der nationalen und internationalen Armut einsetzt, spielen die konfessionellen Krankenanstalten eine große Rolle. Von den 325 österreichischen Spitälern werden 129 von privaten Trägern geführt, darunter 38 katholische und sieben evangelische. Insgesamt verfügen sie über 9200 Betten. Bundesweit steht jedes sechste Spitalsbett in einem Ordenskrankenheus.

Als Arbeitsgeber beschäftigen diese Krankenhäuser 14.000 Mitarbeiter, und mancherorts wäre die Versorgung ohne diese Privatspitäler nicht möglich. Allein in Oberösterreich bestreiten sie fast vierzig Prozent der medizinischen Hilfe. Selbst in Wien mit seinen acht Ordensspitälern sind es 15 Prozent. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.3./1.4.2002, red)

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