Polen: Aufatmen nach dem Rücktritt

29. März 2002, 20:29
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Verdacht gegen Erzbischof soll aber endgültig geklärt werden

Der bisher größte Sexskandal in der katholischen Kirche Polens hat ein vorläufiges Ende gefunden: Am Gründonnerstag gab der Erzbischof von Poznan (Posen), Juliusz Paetz, seinen Rücktritt von diesem Amt bekannt (DER STANDARD berichtete). Ihm werden über Jahre hinweg sexuelle Übergriffe auf junge Priester und Laien vorgeworfen.

Paetz bezeichnete sich als Opfer von Falschinterpretationen und sagte: "Ich kenne die Propagandisten der breit angelegten Aktion gegen mich." Da ihm aber "Einheit und Frieden" der Posener Kirche am Herzen lägen, habe er dem Heiligen Vater seinen Rücktritt angeboten, den dieser auch angenommen habe. Zum Nachfolger ernannte Papst Johannes Paul II. den bisherigen Weihbischof von Gniezno, Stanislaw Gadecki.

Erleichterung

"Gott sei Dank", kommentierte erleichtert Zbigniew Nossowski, der Chefredakteur der katholischen Monatszeitschrift Wiez ("Bund"). Er hatte vor gut einem Monat den Erzbischof aufgefordert, sein Amt ruhen zu lassen, bis die Vorwürfe geklärt seien.

"Der Rücktritt führt sicher zur Gesundung der schwierigen Situation in diesem Erzbistum", erklärt Adam Schulz, der Sprecher der katholischen Bischofskonferenz. Auch der Erzbischof von Lublin, Jozef Zycinski, begrüßte den Rücktritt: "Eine Sünde im Herzen der Kirche. Wenn wir schockiert vor den Informationen aus den eignen Priesterkreisen stehen, darf uns das lähmen oder mundtot machen? Nein! Auch der Verrat des Judas hat der Treue des Johannes nichts anhaben können."

Jaroslaw Gowin, Chefredakteur der liberalen katholischen Zeitschrift Znak, meint allerdings, dass "die Vorwürfe gegen Erzbischof Paetz zu schwerwiegend" seien, um ihre Aufklärung mit seinem Rücktritt zu beenden: "Die Kirche muss nun beantworten, wie es möglich war, diese Sache so lange zu dulden." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.3/1.4. 2002)

Von Gabriele Lesser aus Warschau
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