Das unaufhörliche Raunen des Sinns

31. März 2002, 09:00
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Lange schon streiten Philosophen und Anthropologen, was denn nun an der Basis der Kultur stehe: Texte oder Bilder?

Lange schon streiten Philosophen und Anthropologen, was denn nun an der Basis der Kultur stehe: Texte oder Bilder? Aber noch vor jeder Beantwortung dieser Henne-oder-Ei-Frage, bei der Definition des vagen Overall-Begriffes "Kultur" verkeilten sich die Geister. Seither jagen sich die Aperçus: War den einen "Kultur" alles, was an menschlicher Gesellschaft "nicht biologisch" ist (E. B. Tylor, J. Lotman), so anderen (wie T.S. Elliott und R. Williams) "a whole way of life" und wieder anderen eine "symbolische Ordnung" (C. Geertz) - was den britischen Literaturwissenschaftler Terry Eagleton einmal zu der spöttischen Replik veranlasste: Eigentlich sei nur mehr der Akt des Sterbens "Natur" und nicht "Kultur".

Damit ist zugleich auch der seit den 1990er-Jahren im deutschsprachigen Raum andauernde Streit um die sog. "Kulturwissenschaft(en)" - das deutsche Wort für die angelsächsischen Cultural Studies - angesprochen: Diese lassen die angestammten "Geisteswissenschaften" mit ihren oft bedenklich schrebergartenförmigen Fachgrenzen gerne alt aussehen. Dafür wird der kulturwissenschaftliche Wille zu umfassender Theoriebildung und interdisziplinärer Vernetzung häufig als universalistischer Dilettantismus und anti-ästhetischer Bildersturm ausgelegt - als postakademischer Furor, der zwanglos die Gretchentragödie des Weimarer Olympioniken, Managementseminare und Fußball als Kulturformen vergleichbar, wenn nicht gar ebenbürtig mache.

Quasi als Nebenprodukt einer 2001 fertig gestellten feasibility-Studie für das Wissenschaftsministerium hat nun der an den Universitäten Wien und Birmingham lehrende Österreicher Wolfgang Müller-Funk ein kleines, feines Theoriegebäude angelegt, das vieles in einen nicht beliebigen Zusammenhang bringen und damit erklären kann. Die Kultur und ihre Narrative, so der programmatische Titel, zeigt jenseits aller Polemik, was eine in den Einzeldisziplinen verankerte Kulturwissenschaft (Müller-Funk ist gelernter Germanist und Philosoph) Sinnvolles zu leisten vermag. In einer intelligenten Zusammenschau maßgeblichen Gedankenguts von Jan Assmann über Lyotard, Ricoeur und Hayden White bis hin zu Peter Zima definiert Müller-Funk seinerseits Kultur als "Gedächtnisgemeinschaft". Der Mensch kommt darin als ein "Geschichten erzählendes Tier" (A. MacIntyre) zu stehen, denn Narration ist - so die Generalthese - die zentrale Kulturtechnik zur Organisation des individuellen und kollektiven Gedächtnisses, der sich nicht nur Urlaubsgeschichten, Romane, Biografien oder eben die Geschichtsschreibung bedienen, sondern auch diverse Mythen und Ideologien. Die Erzählung (das "Narrativ") bringt Sachverhalte in eine raum-zeitliche Ordnung, gibt ihnen Helden, Objekte, Gegner und vor allem ein Ziel: "Erzählen macht Handeln verständlich".

Erzählen wird damit zum Verfahren der Selbst(er)findung der Kultur und ihrer Subjekte, zur "Manufaktur" der Identität - in einem Prozess, der nie abgeschlossen, aber dafür im Akt des Erzählens immer wieder aktualisiert werden kann. Angesichts dieser "koevolutionären Selbstschöpfung" des Menschen plädiert Müller-Funk für eine "Anthropologie der Medien" als Überträger und Formate der Narration. Mit seinem Ansatz wird aber auch die eingangs erwähnte "Bild-oder-Text"-Frage lösbar, denn nach Müller-Funk gibt es keine vorgängige Bedeutung von Bildern; es sind vielmehr wieder kulturelle Erzählungen notwendig, um sie verständlich zu machen: Für einen Chinesen etwa wäre ein gemaltes nacktes Pärchen mit Apfel eine rätselhaft bis banale Szene, wenn er nicht das christliche Schöpfungsnarrativ kennt. Müller-Funk findet freilich bessere Beispiele dafür in seinen Fallstudien, die das "Geld als Zero-Narrativ", die Fallgeschichten der Psychoanalyse, die Narrative des Nationalismus ("Hermann und die Deutschen") sowie die Apokalypse behandeln. Mit diesem umfassenden Werk hat der Autor jedenfalls gezeigt, dass Österreich im positiven Sinn ein Entwicklungs-Land der Kulturwissenschaft ist, dass sich also auch hierorts sehr kompetente Denker/innen innerhalb des deutschsprachigen Diskurses finden lassen. Eine Kritik an der Kultur und ihren Narrativen lässt sich dementsprechend nur konstruktiv formulieren, denn überaus brauchbar, ja beeindruckend ist das Erreichte.

Ein erster Kritikpunkt betrifft die Terminologie: "Erzählung", "Narrativ", "Geschichte/n" und "Narration" werden bei Müller-Funk mitunter zu austauschbaren Größen. Zwar beugt der Autor diesem Vorwurf vor, wenn er - an einer essayistischeren Wissenschaftskultur als der deutschen geschult - sich schon im 1. Kapitel der "definitorischen Wut" formalistischer Denksysteme verweigert. Andererseits gäbe es aber auch für ihn noch andere Phänomene berücksichtigen: nicht alles an einer "Kultur" ist ein Narrativ (wie wiederum das Nachwort bereitwillig zugibt), und allem Anschein nach kursieren im kulturellen Gedächtnis weniger ganze Geschichten, sondern eher deren Schlüsselszenen, die die kognitive Psychologie "Schema" oder "Skripts" genannt hat.

Der zweite Kritikpunkt ist ein eher formaler: Trotz des engagierten Lektorats, von dem sich der Rezensent in Frühphasen des Projekts überzeugen konnte, strotzt das Buch noch vor Satzfehlern, die eines internationalen Wissenschaftsverlages unwürdig sind. Es steht zu hoffen, dass diese Fehlleistungen bei einer Neuauflage, die dieses neue Standardwerk rasch erreichen dürfte, getilgt werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31. 3. 2002)

Wolfgang Müller-Funk, Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung.

EURO 35,80/291 Seiten. Springer, Wien/New York, 2002.

Ein neues Standardwerk über Kultur als Erzählen

Von Clemens Ruthner

Hinweis: Am 3. April um 18.30 Uhr findet im Audienzsaal des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Minoritenplatz 5, 1014) Wien die Buchpräsentation des besprochenen Bandes und ein wissenschaftliches Gespräch mit dem Autor, Clemens Ruthner und Birgit Wagner statt.

Vom 4. bis zum 6. April findet zudem an der Uni Wien (Universitätscampus Hof 1, Aula) unter dem Thema "Narrationen im Wandel" die erste internationale Graduiertenkonferenz statt, bei der junge Wissenschaftler neue Perspektiven aus dem Bereich der Kulturwissenschaften vorstellen.

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