Trieste oder Trst?

20. Oktober 2003, 12:35
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Trotz härtester Maßnahmen wurden die Deutschen der Partisanen nicht Herr. Als Sieger verlangte Tito nicht nur die 1919 Italien zugesprochenen slowenischen Gebiete, sondern auch die Hafenstadt Triest.

Je härter die Unterdrückungsmaßnahmen der Besatzung wurden, desto mehr unterstützte die Bevölkerung, vor allem Arbeiter und kleine Bauern, die Partisanen. Deren Aktionen griffen auch auf das schon vor 1941 italienische Gebiet, sogar auf Triest, über; dann breitete sich der Partisanenkrieg auch auf die Untersteiermark, auf Oberkrain und zeitweise sogar auf Kärnten aus.

Nachdem Italien im September 1943 kapituliert hatte, wurde aus der Venezia Giulia die deutsche "Operationszone Adriatisches Küstenland" gebildet, die dem Gauleiter von Kärnten, Friedrich Rainer, unterstellt wurde; der berüchtigte österreichische SS-Führer Odilo Globocnik leitete dort die Polizeiaktionen der SS und ihrer ukrainischen "Hilfswilligen". Trotz aller Brutalität - Errichtung eines Konzentrationslagers, Niederbrennen ganzer Dörfer, Massaker - konnte der "Bandenkrieg", wie er von den Nazis genannt wurde, der Tito-Partisanen (die mit gleicher Grausamkeit kämpften) nicht Herr werden.

Die Domobranci, eine Heimwehr, die vom Laibacher Bürgermeister General Leo Rupnik aufgestellt worden war, wurden auf Hitler vereidigt. Sie wurden ebenfalls gegen die Partisanen eingesetzt, doch gab es auch Verdächtigungen durch die Deutschen, die etliche Offiziere ins KZ Dachau brachten. Bei Kriegsende ergaben sie sich den Engländern bei Bleiburg in Kärnten, wurden aber, wie auch kroatische Truppen, an die Tito-Leute ausgeliefert und zu Tausenden in den Karsthöhlen der Gottschee umgebracht.

Alle Versuche der Deutschen, den Widerstand der Tito-Truppen zu brechen, waren erfolglos geblieben. Schon am 26. November 1942 konnte Tito in der bosnischen Stadt Bihac eine Versammlung von Delegierten aus allen Teilen Jugoslawiens zusammenrufen, um den "Antifaschistischen Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens" (Avnoj) zu organisieren. Dabei wurde die Gleichberechtigung aller jugoslawischen Nationen festgehalten; beim zweiten Avnoj-Kongress in Jajce am 29. November 1943 wurden auch den Minderheiten alle nationalen Rechte zugesichert - mit Ausnahme der Volksdeutschen. Bei der Kapitulation Italiens fielen den Partisanen große Mengen an Waffen in die Hände. Auch von den Westmächten erhielten sie, oft auf verschlungenen Wegen, Nachschub. Schließlich wurde Tito angesichts seiner Erfolge 1944, von Anfang an Verbündeter der Sowjetunion, auch von den Westmächten, die die Exilregierung in London unter Druck setzten, voll anerkannt.

In Slowenien folgten die Tito-Truppen unmittelbar der sich zurückziehenden Wehrmacht. Es lag ihnen daran, in den Grenzgebieten vollendete Tatsachen zu schaffen. So besetzten sie vorübergehend die Kärntner Hauptstadt Klagenfurt, mussten sich aber auf Druck der dort ebenfalls einziehenden Briten zurückziehen. Allerdings wurden Hunderte als Nazis verdächtigte Kärntner verschleppt, viele davon ermordet.

Vor allem aber sollte der jugoslawisch-slowenische Anspruch auf Trieste/Trst untermauert werden. Diese wichtige Hafenstadt wurde zu einem Zankapfel zwischen Ost und West, zumal Moskau zunächst die jugoslawischen Ansprüche unterstützte. In den Augen der Slowenen war Triest eine Sprachinsel inmitten eines kompakt slawischen Territoriums, und damit wurde ihr Anspruch untermauert. Die jugoslawische Besetzung brach wie ein Sturm über Triest herein. Selbst zwischen italienischen antifaschistischen Partisanen und den Tito-Leuten kam es zu Zusammenstößen. "Für das Triester Bürgertum bedeutete der Einzug der Jugoslawen eine nationale Demütigung, einen Schock. Die Slawen, die man stets als barbarisch betrachtet und als geschichtslose Bauernnation verachtet hatte, waren nun als Verbündete der Vereinten Nationen in der Stadt, als Sieger. Die verfolgte Minderheit war nun in die Lage versetzt, zu verfolgen." (Claus Gatterer)

Anfang Mai wurde eine slowenisch-italienische, kommunistische Verwaltung für die Stadt aufgebaut. Wegen der Proteste des Westens entschloss sich Belgrad, von dem geplanten Anschluss an Slowenien abzusehen und versprach, Triest als siebenten Bundesstaat in Jugoslawien einzubinden. Das slowenische Küstenland wurde in drei Sektoren aufgeteilt, Triest Stadt, Triest Land (mit Capodistria/Koper) und Görz Stadt und Land. Auch von hier wurden Hunderte als Faschisten bezeichnete Personen von den Partisanen oder der bereits gebildeten Geheimpolizei verschleppt und in den "foibe", den Karsthöhlen, ermordet.

Der letztendliche Druck Großbritanniens und der USA führte schließlich dazu, dass die Jugoslawen im Juni 1945 aus der Triestiner Region abziehen mussten. Die Stadt Görz blieb italienisch, nun allerdings als Grenzstadt. Da bei den Friedensverhandlungen mit Italien über die Zugehörigkeit von Triest keine Einigung erzielt werden konnte, wurde ein Freistaat gegründet, bestehend aus der Zone A (Triest Stadt) und der Zone B (Koper/Capodistria, Piran und Novigrad/Cittanova). 1954 wurde der Freistaat entlang der Zonengrenze geteilt. Die Stadt Triest wurde italienisch. Mit Koper bekam Slowenien ein kleines Stück der Adriaküste; der Rest fiel an Kroatien. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31. 3. 2002)

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