Computer: "Etwas, das ist wie ein Gehirn"

31. März 2002, 18:11
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Inuit bemühen sich, mit Umschreibungen ihre Sprache zu erhalten - und stoßen damit gelegentlich an Grenzen

"Computer" heißt in der Sprache der kanadischen Inuit: "Etwas, das ist wie ein Gehirn." Eine Komiteevorsitzende ist "eine Person, die führt und den Prozess in Gang hält".

In Nunavut, dem vor drei Jahren entstandenen Staatsgebiet der Inuit im Norden Kanadas, üben sich die Behörden in linguistischer Kreativität. Sie müssen sich etwas einfallen lassen, um ihre Sprache Inuktitut ins 21. Jahrhundert zu retten.

Das hat Tücken. Das Wort für die Krankheit Krebs zum Beispiel, "kagguti", musste aus dem Sprachgebrauch genommen werden. Es stand nämlich früher für Hunde, die von Parasiten befallen waren. Jetzt heißt Krebs: "piruinnaaq aartiqitaugunnatuq" oder "etwas, das in einer Person wächst und das man versuchen kann zu behandeln".

Konkurrent Englisch

Inuktitut gilt zwar in Kanada als eine der fünfzig Sprachen der Ureinwohner, die nicht vom Aussterben bedroht ist. Doch seit Nunavut im April 1999 als neues Territorium zu den zehn Provinzen und zwei Territorien Kanadas stieß, breitet sich Englisch im-mer mehr aus. Englisch sprechende Kanadier ziehen nach Nunavut, um dort zu arbeiten. Die Hauptstadt Iqaluit ist im wirtschaftlichen Aufschwung, und viele Geschäfte sind Englisch angeschrieben.

In Nunavut sind 85 Prozent der rund 28.000 Bewohner Inuit. Von den Inuit sprechen 65 bis 70 Prozent Inuktitut. Die Abgeordnete Rebekka Williams findet, Inuktitut sollte als Sprache im Alltag sichtbarer sein. Deshalb überlegt man sich derzeit in Nunavut, ob man ein Gesetz zum Schutz der Sprache einführen soll.

Nach diesem Gesetz müssten etwa die Geschäfte neben Englisch auch in Inuktitut angeschrieben werden, ebenso die kommerzielle Werbung. Wenn Englisch und Inuktitut auf Schildern nebeneinander stehen, sollten die Buchstaben des englischen Wortes nicht größer sein. Arbeitgeber dürften auch nicht Personen diskriminieren, die nur Inuktitut sprechen, außer Englisch sei unerlässlich für den Posten.

Einige Probleme sind kaum zu lösen. So gibt es sieben Inuktitut-Dialekte, die sich zum Teil stark unterscheiden. Manche Kinder, sagt Rebekka Williams, würden lieber Englisch sprechen, aus Angst, ihr Dialekt werde nicht verstanden. Oder sie brauchen Englisch, wenn es kein passendes Wort in Inuktitut gibt.

Kein Wort für Gnade

Gefordert sind auch die Übersetzer der Bibel, wenn sie Wörter wie Feigenbaum übersetzen müssen. "Die meisten Inuit haben nie einen Baum gesehen", sagt Hart Wiens von der Kanadischen Bibelgesellschaft. Für den Inuit-Übersetzer Benjamin Arreak ist ein Kamel ein "Tier mit einem Buckel auf dem Rücken".

Das Wort "Gnade", wofür es in der Inuit-Sprache kein passendes Wort gibt, umschreibt er mit "unverdiente Hilfe durch seine Güte".

Da Inuktitut ein solides Schriftsystem hat, ein Silbenalphabet, wird die Sprache so schnell nicht verschwinden. Ein Inuktitut-Wort hat sich sogar international durchgesetzt: "Kajak" versteht man rund um die Welt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31. 3. 2002)

Von STANDARD- Korrespondentin Bernadette Calonego aus Vancouver
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